John-Cage-Projekt: So verlief der 17. Klangwechsel im Burchardikloster

Harzletter, der Zweihundertunddritte.

Schon wieder Halberstadt, schon wieder Kunst. Manche Termine stehen eben fest, dieser seit etwa 25 Jahren. Es um Musik, um John Cage und um das langsamste Musikstück der Welt. Es wird im ehemaligen Burchardikloster in Halberstadt aufgeführt, und diese Aufführung wird genau 639 Jahre andauern. 25 Jahre sind seit dem Auftakt vergangen; das Stück dauert an bis zum 4. September 2640.

203 Cage kirche

Ich will hier nicht den Hintergrund dieses einmaligen Projektes beschreiben, das findet man umfassend im Netz, zum Beispiel hier.

Jedenfalls war der 5. August ein wichtiger Termin für die weltweite John-Cage-Gemeinde. Der 17. Klangwechsel stand an. Da wollte ich dabei sein und hier folgt, was ich an diesem Tag in Halberstadt erlebt habe:

203 Cage pfeife

Eigentlich ist es nicht der Rede wert: Innerhalb eines Musikstückes wird ein neuer Ton gespielt. Na und? Das ist so bei Musik, wäre ja auch langweilig, wenn immer nur dasselbe erklingen würde.

203 Cage Portrait

Aber:
Wenn die Aufführung dieses Musikstück 639 Jahre lang dauert – und gerade die ersten 25 Jahre davon vergangen sind –, wenn der Komponist John Cage heißt (Foto: Rob Bogaerts) und das Stück ORGAN²/ASLSP, und wenn für diese Aufführung eigens eine ehemalige Klosterkirche restauriert wurde, dann ist es eben doch der Rede wert. Und wird zum Ereignis, an dem rund 1000 Besucher aus aller Welt teilnehmen wollen.

203 Cage kameras

John Cage zieht Besucher aus aller Welt an

Halberstadt, Burchardikloster, 5. August, 14:58 Uhr. Der große Moment steht kurz bevor. In der ehemaligen Klosterkirche sind mehrere hundert Menschen versammelt, für die zahlreich erschienenen Pressevertreter wurde extra eine Art Tribüne aufgebaut. Um die kleine Orgel, die in der Mitte des Gebäudes steht, drängen sich dicht an dicht die Besucher, zurückgehalten durch eine Absperrkordel und den Sicherheitsdienst.

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Draußen verfolgen rund 500 Menschen im Schatten unter einer mächtigen Kastanie das Geschehen auf eine Videowand.

Die Türen der Kirche sind geschlossen worden, Anneli Borgmann, die Vorsitzende des Kuratoriums der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt, hat feierlich eine neue Pfeife in die Orgel eingesetzt. Denn der Klangwechsel ist nicht einfach nur ein geänderter Ton – zu den bisherigen sieben Pfeifen, die weiter erklingen, kommt als achte die Pfeife mit der Tonhöhe A hinzu. Diese acht Pfeifen ergeben den neuen Klang, der dann bis zum 5. Oktober 2027 anhalten wird.

Meditative Stille und eine verrückte Idee

Stille im Raum, alle lauschen dem meditativen Ton, der bereits seit zweieinhalb Jahren anhält. Handys sind gezückt, Kameras laufen. Dann zieht Organist Christof Hallegger an einem dünnen grünen Faden und die neue Pfeife erklingt gemeinsam mit den sieben bisherigen. 

Der Unterschied zwischen vorher und nachher ist – ehrlich gesagt – nicht dramatisch. Eher ein sanfter Übergang. Aber darum geht es nicht. Es geht um das gemeinsame Hinhören, und um eine Idee und deren Umsetzung, die man sich verrückter kaum hätte ausdenken können.

203 Cage danach

Lauter Beifall brandet auf, die Mitglieder des Kuratoriums, die unmittelbar mit dem Klangwechsel zu tun haben, sind sichtbar erleichtert, eine Stimmung fast wie bei einem Pop-Konzert. Dann werden die Türen geöffnet. Alle, die draußen das Ereignis verfolgt haben, können nach und nach in die Kirche kommen und die Orgel und den neuen Klang aus der Nähe betrachten und hören.

Um genau das mitzuerleben, sind Musikbegeisterte aus aller Welt angereist.

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Zum Beispiel Mrs. Westendorf und Mr. Hart aus Washington D.C., USA. Sie sitzen, beide hochbetagt, mit leuchtenden Augen in der ersten Reihe direkt vor der Orgel. „Vor ein paar Jahren waren wir schon einmal hier und haben die Burchardikirche fast allein für uns gehabt. Danach wollten wir unbedingt bei einem Klangwechsel dabei sein. Und hier sind wir!“ Sie erzählen, dass sie John Cage gekannt haben und für sie dieses Projekt etwas ganz Besonderes ist.

203 Cage Japan

Mai Mochizuki (rechts auf dem Foto) hatte eine noch längere Anreise. Aus Tokio war sie rund 24 Stunden unterwegs – nur für John Cage und einen anschließenden Kurzurlaub in Deutschland und Tschechien. „Mich interessiert seine Musik – und ich will diesen besonderen Tag miterleben.“

Bernd Schröder, Vorstandsmitglied der Stiftung, schätzt, dass etwa die Hälfte der Besucher des Klangwechsels extra deswegen angereist sind. „Genau wissen wir das nicht, da die Veranstaltung generell kostenlos ist und wir somit keinen genauen Überblick über die Besucher haben. Nur die, die ganz vorn in der Kirche dabei sein wollen, haben Eintritt gezahlt und damit für alle diese Veranstaltung ermöglicht.“

Die John-Cage-Stiftung kommt ohne Förderung aus

Denn die John-Cage-Orgel-Stiftung muss penibel aufs Geld achten, da sie ohne jegliche Förderung auskommen will und muss. Sie finanziert sich neben ehrenamtlicher Arbeit ausschließlich von Spenden, Eintrittsgeldern und Merchandising-Einnahmen. Geld-Knappheit macht erfinderisch, und so wurde vor einem Jahr die Idee des „Final Ticket“ geboren.

„Haben Sie am 4. September 2640 schon etwas vor?“ – mit dieser überraschenden Frage wird das Finale von ORGAN²/ASLSP angekündigt. Und für diesen 4. September 2640 werden jetzt bereits Eintrittskarten verkauft. Als aufwendig gravierte Metallplatten zum Preis von jeweils 2640 Euro. In einer Auflage von – na klar – 2640 Stück. Selbstverständlich übertragbar.

John Cage war nie in Halberstadt

Bernd Schröder: „Eine niedrige zweistellige Zahl haben wir bisher verkauft. Die Einnahmen daraus sichern den Fortgang des Projekts. Wenn wir pro Jahr rund zehn Tickets verkaufen, sind wir im grünen Bereich.“

203 Cage partitur

John Cage hätte, da sind sich alle am Projekt Beteiligten sicher, seine Freude daran. Er selbst war nie in Halberstadt, die Aufführungsidee seines Stückes mit der Tempo-Vorgabe „so langsam wie möglich“ entstand erst Jahre nach seinem Tod. Cage war Zeit seines Lebens offen für Überraschungen, für Neuerungen, für scheinbar verrückte Ideen.

Halberstadt hätte ihm gefallen.

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Vergangene Woche war ich bei der Premiere von Das Wirtshaus im Spessart dabei.

Davor ging es um die Harz-Geologie und um Karl August Lossen.

Hier habe ich mir das Harzmuseum in Wernigerode angesehen.

Davor feierten wir den 100. Geburtstag des Waldseebades Hasselfelde.

Hier war ich zu Besuch in Karls Erlebnisdorf in Wernigerode.


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