Harzletter, der Einhundertneunundneunzigste.
Eigentlich sieht es immer noch so aus wie bei der Eröffnung vor 100 Jahren: Die zweifarbigen hölzernen Umkleidekabinen, die Treppe runter zur Liegewiese, die rutschigen Stufen zum Nichtschwimmerbereich, der Steg, der in den Badesee hinausführt. Alles nicht auf dem neuesten Stand der Schwimmbad-Technik, aber alles liebevoll gepflegt.

Waldseebad Hasselfelde, im Ortsteil Rotacker, gleich neben der B 81.

Über der Eingangstür hängt ein großes handgemaltes Schild, das vom Schriftbild her an die Westernstadt Pullman City am anderen Ende von Hasselfelde erinnert. Aber hier ist alles echt, das ist keine auf nostalgisch getrimmte Freizeitanlage.
Der Charme der frühen Jahre im Waldseebad
Wenn man das Bad durch die schmale Holztür betritt, folgen nach dem Kassenfensterchen links und rechts die Umkleidekabinen. Bretterverschläge mit ein paar Haken und ohne Beleuchtung.

Und dann steht man in Badekleidung auf der Empore, vor sich die Liegewiese, der Badesee mit Insel, Sprungturm und Steg, im Hintergrund hohe Bäume – und denkt: ganz schön idyllisch hier. Was brauche ich Wasserrutsche, Whirlpool und gekacheltes Becken; so eine Naturanlage bringt einen bestens durch die heißen Tage.

So ähnlich muss auch Bürgermeister Karl Hoyer gedacht haben, der nach dem Ersten Weltkrieg zu denen gehörte, die heimlich im damaligen „Neuen Teich“ zum Schwimmen gingen. Der Neue Teich war irgendwann als Wasserreservebecken angelegt worden. Bei den Schwimmrunden entstand eine Idee – 1925 begannen die Umbauarbeiten und ein Jahr später wurde das neue Waldseebad in Betrieb genommen.


Damit alles seine Ordnung hatte, wurde mit Karl Böhnstedt ein geprüfter Bademeister eingestellt – damals eine wegweisende Neuerung. Dessen Berufung erwies sich als Glücksfall. Bis 1969 war er mit zwei Unterbrechungen als Bade- und Schwimmmeister tätig und engagierte sich in dieser Zeit weit über seinen Dienst hinaus. Das Waldseebad war „sein“ Bad.

Heute haben Petra Tiebe und Isanthe Spengler im Waldseebad das Sagen. „Als es vor kurzem am Wochenende so heiß war, hatten wir über 700 zahlende Gäste pro Tag“, erzählt Isanthe Spengler, die als Kassiererin arbeitet und sich um alles kümmert, was sonst anfällt. Verantwortliche ist Bademeisterin Petra Tiebe, die zum Waldseebad einfach dazugehört: In diesem Jahr feiert sie ihr 30-jähriges Berufsjubiläum. Vom geordneten Badebetrieb („Nicht vom Rand springen!“) übers Rasenmähen bis hin zur Blumendekoration hat sie alles im Griff.
Schwimm-Begeisterung von Anfang an
Die Hasselfelder begeisterten sich von Beginn an für das Schwimmen und das neue Bad – hinzu kamen die „Sommerfrischler“, die zunehmend den Harz als Urlaubsgebiet entdeckten. 1929 wurde der Schwimmverein Hasselfelde gegründet, im selben Jahr eröffnete die Bäckerei Severin auf dem Gelände ein Sommercafé.


Es wurden Wettkämpfe und Schwimmfeste veranstaltet, Lehrgänge durchgeführt, und es formierte sich sogar eine Wasserball-Mannschaft. Später wurde Schwimmen Pflichtschulfach, neben dem Wintersport war es damals die populärste Sportart im Oberharz.
Das Bad wurde ständig aus- und umgebaut. Das änderte sich mit Ausbruch des Krieges – jetzt hatte man andere Prioritäten.
1944 wurde das Waldseebad ganz geschlossen, aber bereits zwei Jahre später lief der Betrieb wieder an. Es wurde auch wieder investiert: Im Rahmen des „Nationalen Aufbauwerks“ wurden eine 100 Meter lange Dammmauer und eine Wettkampfbahn neu errichtet – weitgehend in ehrenamtlicher Gemeinschaftsarbeit.

Das Waldseebad blieb beliebt – Fotos aus den 60er-Jahren zeigen eine dicht bevölkerte Liegewiese. Regelmäßig fanden Kinderferienlager statt. Wer damals in Hasselfelde aufwuchs, kam gar nicht drumherum, hier den Sommer zu verbringen.

Dieser Charme der frühen und etwas späteren Jahre ist heute noch spürbar, wenn man sich einen entspannten Sommernachmittag auf der Liegewiese gönnt. Die Eintrittspreise sind zwar gestiegen (3 Euro für Erwachsene), das Café Severin gibt es nicht mehr, und der Zahn der Zeit ist an einigen Ecken deutlich sichtbar. Aber die Wasserqualität ist dank des natürlichen Zuflusses hervorragend, und das Becken ist groß genug, um in Ruhe seine Bahn zu ziehen.
Unruhige Zeiten im Waldseebad nach der Wende
Nach der Wende erlebte das Waldseebad unruhige Zeiten. Mit Fördermitteln sollte es eine Neukonstruktion inklusive einer Entschlammung geben – doch das lief ziemlich holprig ab. Es gab großen Unmut in der Bevölkerung über Kostensteigerungen und Sicherheitsmängel. Schließlich wurde das Waldseebad 1994 neu eröffnet. Aber weiterhin steht der Unterhalt permanent auf wackligen Füßen.
Freibäder kosten Geld, und es gibt einige Beispiele, wo kleinere Bäder geschlossen oder von privaten Initiativen übernommen wurden. Die Stadt Oberharz, der das Waldseebad gehört, hat dazu eine eindeutige Meinung. Grit Hildebrand, stellvertretende Bürgermeisterin: „Wir stehen voll hinter dem Bad und freuen uns, dass wir hier so ein einmaliges Objekt haben.“ Wie es in Zukunft weitergehen wird, kann sie allerdings auch nicht genauer sagen. „Sicher ist nur, dass das Waldseebad erhalten bleibt.“




Die Chancen dafür stehen gut, denn die Hasselfelder lieben ihr Bad und packen ehrenamtlich mit an. Besonders engagiert sind die „Eisperlen“, eine Abteilung des örtlichen Skivereins, die vor einigen Jahren das Eisbaden für sich entdeckt haben. Seitdem wird das Waldseebad regelmäßig auch im Winter genutzt – und wenn es darum geht, das Bad für den Sommerbetrieb herzurichten, sind die Eisperlen ganz vorn mit dabei. „Wir haben hier alle unsere Kindheit und Jugend verbracht“, sagen sie, „da hängt man einfach dran.“
Das Harzfest 2026 wird im Waldseebad eröffnet
Jetzt wird gefeiert. Drei Tage lang, vom 21. bis 23. August findet in Hasselfelde das große Harzfest statt. Eröffnet wird es Freitag Nachmittag natürlich im Waldseebad – mit einem Triathlon und einer anschließenden langen Partynacht.

Doch bevor es soweit ist, schwimmen wir erst einmal eine Runde. Darum geht es schließlich. Die Treppe ins Wasser ist glitschig, aber dann ist da das dunkle, 21 Grad warme Wasser und alles ist wunderbar. Kein Chlor, das in den Augen brennt, jede Menge Platz, Bäume am Rand und sogar ein paar verirrte Wasservögel – es ist wie ein kleiner Urlaub.
Da kann man sich auf die nächsten 100 Jahre freuen.
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