Harzletter, der Zweihundertundvierte.
Ich wusste ja nicht, wie hoch und steil eine Skisprungschanze sein kann. Bis ich zum Wurmberg kam. Es ging um die letzten Höhenmeter zum Gipfel. Der kürzeste Weg: Eine Stahltreppe, etwas versteckt unter Laubbäumen, die entlang der ehemaligen Sprungschanze nach oben führt.

Sie sieht harmlos aus, aber sie hat es in sich. Denn sie nimmt einfach kein Ende, insgesamt 268 Stufen ziehen sich hin. Der Puls erreicht den roten Bereich, hier kommen alle ins Schnaufen. Zwischendurch mal stehen bleiben ist keine Schande. Der Blick weit in den Harz hinein ist schließlich großartig. Dann, endlich, sind wir oben am Wurmberg-Aussichtsturm. Erleichterung – und einen freien Platz zum Ausruhen gibt es auch.


Angefangen hatte alles in Oderbrück, auf einem Parkplatz zwischen Torfhaus und Braunlage. Zu zweit sind wir dort aufgebrochen; es sollte mal nicht auf den Brocken gehen, sondern auf die Erhebungen gleich nebenan. Achtermannshöhe und Wurmberg sind angepeilt, 925 und 971 Meter hoch. Das sind immerhin der höchste und der dritthöchste Berg Niedersachsens.
Der steinige Weg Richtung Achtermann und Wurmberg
Um es gleich zu sagen: Die Wurmberg-Treppe war das einzige wirklich anstrengende Teilstück, die übrige Wanderung war ein einziger Harz-Genuss. Allein schon, weil auf den Wegen zu den beiden Gipfeln nur ein Bruchteil der Menschen unterwegs sind, die hinauf zum Brocken wollen.

Schon kurz nach unserem Start beginnt eine historische Wegpflasterung vorbei an den Breitensteinklippen. Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, wie auf solchen Wegen in früheren Jahrhunderten der Harz mühsamst durchquert wurde. Nach rund zwei Kilometern stehen wir vor dem Achtermann-Gipfel. Wie ein riesiger Maulwurfshügel erhebt er sich aus den Baumstümpfen. Eine felsige Anhöhe, die über einen gesicherten Weg gut zu erreichen ist. Oben herrscht wenig Andrang, der Achtermann gehört zu den eher unbeachteten Ausflugszielen. Dabei bietet er bei gutem Wetter eine überragende Sicht auf zwei Harz-Klassiker: Brocken und Wurmberg liegen zum Greifen nah.

Doch der anschließende Weg Richtung Wurmberg zieht sich; erst einmal geht es lange bergab, entlang an nachwachsenden Bäumen und der Kleinen Bode, die in den Sumpfgebieten des Nationalparks entspringt und idyllisch dahinplätschert. Hinter der Moosbrücke und der Bärenbrücke wird es anstrengender – jetzt führt der Weg bergauf dem nächsten Gipfel entgegen.

Wenn man dem Wurmberg näher kommt, merkt man schnell: Das ist touristisch erschlossenes Gebiet. Die Wege sind jetzt Wanderautobahnen und entsprechend frequentiert; dazwischen sind Radfahrer in beide Richtungen unterwegs. Hier wurde ein Skigebiet ausgebaut, aber die Lifte laufen natürlich auch im Sommer und bringen die Besucher nach oben. Wer zu Fuß geht, kommt an den Ski-Abfahrten vorbei, die ohne Schnee ein ziemlich trauriges Bild abgeben.

Und genau hier begegnet uns auch der erste „Monsterroller“, das neueste Spaßgerät auf dem Wurmberg. Monsterroller sehen aus wie gedopte und aus den Fugen geratene Stadtroller – auf der entsprechenden Webseite wird das so angekündigt: „breite Reifen, starke Bremsen, stabiler Stand – und vor Dir rund 5 Kilometer Abfahrt durch die Harzer Natur“.
Das neueste Wurmberg-Spaßgerät: die Monsterroller
Zuerst erschrecken wir, als die ersten zwei Exemplare in sportlichem Tempo auf uns zu kommen. Später bemerken wir, dass der Spaß nicht ganz ohne Blessuren abgeht; ein paar aufgeschlagene Knie und ängstliche Blicke fahren auch mit.

Und dann kommt nach weiteren Kilometern sanftem Bergaufgehen die Treppe. Und das keuchende Finale rauf auf den Berg.
Aber auch das hat ein Ende und die anschließende Wanderpause in der Wurmberg-Alm fühlt sich richtig gut an: Etwas Deftiges zu essen, dazu ein alkoholfreies Bier – das Leben könnte schlechter sein. Hier treffen sich alle, die es auf den Wurmberg geschafft haben, ob mit oder ohne Seilbahn. Familien, Wanderprofis, Rentner, und die, die nur mal schell nach oben wollten; es ist Ferienzeit und entsprechend bunt und angenehm ist die Mischung.


Uns zieht es wieder nach unten, vorbei an dem künstlich angelegten See, über eine asphaltierte Straße entlang Richtung Königshütte. Rechts und links stehen noch jede Menge abgestorbener Fichten, aber dazwischen wachsen junge Bäume nach. Man muss nur abwarten; in ein paar Jahren wird der Harz auch hier hoffentlich wieder wie ein richtiger Wald aussehen.

Ab Königskrug geht es zurück zum Ausgangspunkt. Wir laufen den Kaiserweg entlang, einem der geschichtsträchtigsten Wanderwege überhaupt, der in diesem Abschnitt nur ein schmaler Pfad ist. Außer uns ist kaum jemand unterwegs; die Vorstellung, dass genau hier vor über tausend Jahren Kaiser und Könige entlang zogen, macht den Weg noch angenehmer und ein bisschen geheimnisvoll.
Am Ende haben wir 21 sehenswerte Kilometer bewältigt, das Wetter passte perfekt, und die Sache mit dem Monsterroller überlege ich mir noch mal.
–––
Vergangene Woche war ich beim Klangwechsel des John-Cage-Projekts in Halberstadt.
Hier beschreibe ich die Premiere von Das Wirtshaus im Spessart.
Davor ging es um die Harz-Geologie und um Karl August Lossen.
Hier habe ich mir das Harzmuseum in Wernigerode angesehen.
Davor feierten wir den 100. Geburtstag des Waldseebades Hasselfelde.
Und hier geht es zurück auf die Startseite