Harzletter, der Einhundertvierundneunzigste.
Die letzten zwei Kilometer sind heftig. Von Silberhütte geht es Richtung Neudorf steil bergauf. Kleinster Gang, irgendwie weiter treten, bloß nicht aufschauen. Mein Ziel ist der Birnbaumteich, bald müsste rechts die Abzweigung kommen.

Dann noch ein paar Hundert Meter durch den Wald, und nach einer Kurve scheint er endlich auf.
Ein glitzernder, aufgestauter See mitten in der Natur. Der Birnbaumteich ist wie viele Badeseen im Harz ein ehemaliger Hüttenteich. Er wurde 1699 angelegt zur Versorgung der Gruben im Neudorfer Revier. Heute ist er Erholungsgebiet mit benachbartem Campingplatz, kleinem Sandstrand und einer Gaststätte mit Blick aufs Wasser.
Es ist Sommer, bestes Radfahr-Wetter, der Harz ist das ideale Freizeit-Revier. Von Quedlinburg soll es oberhalb des Selketals über Alexisbad zum Birnbaumteich gehen. Denn Schwimmen im See gehört zum Harzsommer unbedingt dazu.
Mit der Selketalbahn nach Haferfeld
Zum Auftakt wähle ich die gemütliche Variante: Mit der Schmalspurbahn (HSB) geht es per Dampflok-Antrieb über Gernrode bis nach Haferfeld. Die Selketalstrecke ist im Deutschlandticket enthalten, das Rad fährt kostenlos im Gepäckwagen mit. Noch ist dieses Angebot nutzbar – Ende 2026 wird die Strecke wegen umfangreicher Bauarbeiten für mindestens zwei Jahre stillgelegt.


Hinter Gernrode dampft die Lok schnaufend bergauf. Haferfeld ist ein Bahnsteig im Harz-Nirgendwo. Und genau richtig als Ausgangspunkt für ein lockeres Einrollen. Denn jetzt geht es über gut ausgebaute Feldwege durch dichten Laubwald oberhalb des Selketals weiter.
Hier stört nichts die Idylle: Keine Autos, kein Lärm, ab und zu ein paar Wanderer, nur Vögel sind zu hören. Der Weg führt vorbei am Bremer Teich – auch ein schöner Badesee, den ich aber diesmal auslasse – auf den Großen Brettenberg zu. Von da ab geht es in Schlangenlinien bergab ins Selketal. Das rollt von allein, so geht Radwandern für Faule.

Durch Alexisbad hinauf zum Birnbaumteich
Am Ortseingang von Alexisbad kommt der Stress zurück. Auf der B185 donnern gleich mal zwei Schwerlastwagen ziemlich eng vorbei. Das war’s vorerst mit der Beschaulichkeit. Schnell noch ein Blick auf zwei Lost Places in Alexisbad: Ein bisschen unheimlich ragen sie hinter dichtem Buschwerk auf. Einer ist wegen seiner Türmchen bekannt: Das ehemalige Reichsbahn-Erholungsheim rottet seit der Wende überaus dekorativ vor sich hin.


Zum Glück ist dieser Bundesstraßen-Abschnitt nur kurz. Hinter Alexisbad führt der Weg über eine schmale Kreisstraße weiter Richtung Silberhütte und meinem Ziel Birnbaumteich.
Rund drei Kilometer gemütliches Treten immer die Selke entlang. Hier wie auf der gesamten bisherigen Strecke braucht niemand einen Elektro-Antrieb, alles ist mit Muskelkraft locker zu bewältigen. Aber dann kommt der erwähnte Anstieg zum Birnbaumteich – und hier wäre Unterstützung willkommen gewesen.
Baden und Einkehren am Birnbaumteich
Doch dann: Blumen und Schilf am Ufer, leises Plätschern. Das Schwimmen ist herrlich, die Wasserqualität bestens, und die Entenfamilie, die mich zeitweise begleitet, macht auch einen ganz zufriedenen Eindruck. Trotz angrenzendem Campingplatz bin ich der einzige Badende; vielleicht liegt’s am bedeckten Himmel.
Denn eigentlich ist alles da: ein kleiner Sandstrand, eine Wasserrutsche, eine Schwimminsel, ein Steg. Und eine Gaststätte direkt am Wasser.

In der lässt sich die Zeit entspannt vertrödeln, und auch das kulinarische Angebot ist ansprechend. Der „Pastatraum vom Birnbaumteich“ (Rigatoni mit Gorgonzolasauce und Birnen) hält, was er für 16,50 Euro verspricht – so kann man die Fahrt zurück zufrieden antreten.

Es geht in Richtung Harzgerode, vorbei am Teufelsteich, wieder über schön ruhige Nebenwege. Auch wenn ich durch Harzgerode nur schnell durchrollen will – ein kurzer Stopp am Schloss muss sein. Und weil die Tür der imposanten St. Marien Kirche offen steht, sehe ich mir die auch noch an. Deren Innenraum wirkt wie eine herzogliche Theaterbühne: Emporen komplett aus weißem Holz, 17. Jahrhundert, einheitlich gestaltet und wunderbar erhalten. Absolut ansehenswert.


Über Mägdesprung zurück nach Quedlinburg
Jetzt aber zurück ins Selketal. Es geht die kurvige Straße entlang nach Mägdesprung – immer bergab und entsprechend locker zu fahren. Und dann kommt die schwere Entscheidung: Bleiben oder weitermachen? Die HSB zurück nach Quedlinburg kommt erst in einer Stunde; ich gehe entschlossen zurück auf die Straße.
Ein paar Hundert Meter weiter bereue ich das fast, denn so schön der Weg bergab war, so anstrengend ist er umgekehrt bergauf. Der Puls beschleunigt, den Beinen ging es schon mal besser, die Gänge werden immer kleiner. Gefühlt endlos zieht sich die Landstraße in die Höhe, erst beim Sternhaus fällt das Treten wieder leichter. Ich verbuche die Kilometer als Trainingseinheit und lasse die Tour ausrollen. Gernrode und schließlich Quedlinburg sind jetzt mehr oder weniger ein Klacks.

Als ich wieder am Ausgangspunkt ankomme, stehen 45 Kilometer auf dem Tacho. Der Birnbaumteich liegt längst hinter mir, das Naturerlebnis und die Pasta ebenfalls. Geblieben sind ein Bad im See und das gute Gefühl, dass der Ostharz für einen aktiven Sommertag genau richtig ist.
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