Harzletter, der Einhundertzweiundneunzigste.
Oberharz-Derby in Hasselfelde. Drei Euro Eintritt, drei Euro für ein Bier, drei Euro die Bratwurst – und dafür mehr Leidenschaft als in manchem Bundesligaspiel. Freitagabend, Harzliga 2, Grün-Weiß Hasselfelde gegen SC 1923 Benneckenstein. Zwei Orte im Oberharz, die elf Kilometer auseinanderliegen, etwa gleich groß sind und auf Platz 3 (Hasselfelde) und Platz 6 (Benneckenstein) in der Liga stehen.

Wer ein Herz für Amateurfußball hat, weiß: Derbys auf Kreisliga-Ebene sind der wirklich heiße Scheiß. Auf dem Plakat steht: „Zwei Orte. Eine Leidenschaft. Nur ein Sieger.“ Dazu eine schön dramatische Edgar-Wallace-Gedächtnis-Typo, ein romantischer Sonnenuntergang und im Hintergrund die Rappbode-Talsperre.
Alles klar, ab nach Hasselfelde.
Harzliga-Derbys: Der wirklich heiße Scheiß
Am Eingang ein Schild „Sportplatz“ – solide old School, nix Arena, kein Schnickschnack. Drei freundliche Frauen mit einer Handkasse. Überhaupt die Nummer drei: Das Bier kostete drei Euro, die Bratwurst am Feuerwehr-Grill ebenfalls. Ein lobenswertes, weil übersichtliches Kostenkonzept.

Auf dem Sportplatz bereits Riesengeschrei. Es war voll, ein paar Hundert Besucher standen und saßen entlang des Vereinsheims in der Abendsonne. Man kannte sich, das Wetter stimmte – und auf dem Platz ging es zur Sache.
Derby ist immer speziell, und auf Dorfebene (Hasselfelde hat etwa 2000 Einwohner, Benneckenstein rund 1700) ist das erst recht Ehrensache. Da wird mehr gerannt, härter gekämpft und lauter geschimpft als bei normalen Harzliga-Spielen.

In der zehnten Minute erzielte Hasselfelde durch Marc-Andre Cajus das erste Tor – natürlich Riesenjubel, Freudentänze, gereckte Fäuste, das ganze Programm – aber schon fünf Minuten später schoss Joel Schaffernicht per Elfmeter den Ausgleich.
Jubel im anderen Teil des Publikums – die Sympathien verteilten sich ziemlich genau Halbe-Halbe.
Amateurfußball im Oberharz: Kampf statt Taktik
Auf dem Platz ging es jetzt richtig hin und her, aber nicht so, wie man das aus Fußballübertragungen im Fernsehen kennt. Kreisligafußball ist anders. Technische Feinheiten werden eher selten geboten, und wenn, dann passieren sie mehr zufällig. Taktische Vorgaben sind übersichtlich; das Hauptkonzept: Kampf bis zum Wadenkrampf. Die Bälle fliegen hoch und weit nach vorn, irgendjemand wird da vielleicht schon stehen. Ballannahme und -weitergabe sind vorwiegend Glückssache. Wer mit Ball in Strafraumnähe kommt, haut einfach mal Richtung Tor drauf – könnte ja klappen.




Gerade in dieser Unvollkommenheit liegt der Reiz beim Zuschauen. Die meisten Spieler sind erkennbar nicht austrainiert, bei einigen spannt das Trikot deutlich in Bauchhöhe. Der Wille ist da, allein es fehlen die Mittel. Sie mühen sich, sie feuern sich gegenseitig an, sie versuchen ihr Bestes. Und dann passiert manchmal wie aus dem Nichts eine wunderbare Doppelpass-Kombination, oder ein Schuss Richtung Tor schlägt genau neben dem Pfosten ein.
Wie in der 37. Minute, als Niklas Wenzel Grün-Weiß Hasselfelde wieder in Führung brachte. Ein Direktschuss aus rund 20 Metern Entfernung – auch Harry Kane hätte anerkennend applaudiert.
Auch Derby-Ultras sind in Harzliga 2 dabei
Kurz danach ist Halbzeit, Zeit für Bratwurst, Bier und Analysen. Allgemeiner Tenor: Da geht noch was, dieses Oberharz-Derby ist noch längst nicht entschieden. Ganz nebenbei gibt es auf dem Platz noch eine Ehrung für ein verdientes Mitglied – auch das gehört beim Amateurfußball dazu. Genauso wie die lautstarken Kommentare aus dem Publikum: „Uwe, jetzt musst du aber einen ausgeben!“


An einer Ecke des Rasenplatzes, auf einer kleinen Erhöhung, hatten sich die Ultras positioniert – rund ein Dutzend Jungs, die zeigten, was sie bei den großen Spielen gelernt hatten: Fahnen, Sprechchöre, Megaphone, eine Trommel. Fast durchgehend wurden Anfeuerungschöre angestimmt; auf Benneckensteiner Seite gab es ebenfalls ein paar Hardcore-Fans, aber deren Unterstützung fiel deutlich leiser aus.
Die zweite Hälfte verlief dann allerdings ziemlich einseitig. Schon nach drei Minuten fiel wieder per Elfmeter durch Niklas Wenzel das 3:1, in der 75. Minute erzielte Fabian Posselt mit einem schönen Heber sogar das 4:1. Damit war dieses Oberharz-Derby eigentlich durch.

Aber Benneckenstein gab nicht auf und kam auch noch einmal heran. Den dritten Elfer des Spiels verwandelte Sebastian Barth zum 4:2, und es wurde hektisch. Benneckenstein versuchte viel, aber die Kräfte schwanden spürbar auf beiden Seiten. Erste Spieler gingen mit Krämpfen zu Boden, außerdem häuften sich die Fouls. In der Nachspielzeit fiel nach einer Ecke durch Fabian Posselt das 5:2, das endgültig alles klar machte.
Viele Fouls und am Ende Pyro
Großer Hasselfelde-Jubel nach dem Schlusspfiff, inklusive Gang in die „Kurve“ zum Ultra-Hügel. Alles wie aus der Bundesliga abgeschaut, alles auf sympathischem Lokalniveau.
Es war ein ruppiges Oberharz-Derby. Einige Fouls hatten ziemlich dramatisch ausgesehen. Rüdes Wegrempeln raus auf die Aschenbahn (die wirklich aus Asche ist), brutale Pressschläge, wilde Grätschen, ohne die Chance, in Ballnähe zu kommen: Neben den permanenten kleinen Hakeleien wurde auch grob hingelangt. Alle paar Minuten wälzte sich jemand am Boden, die drei Elfmeter passierten nicht zufällig.

Das Positive: Niemand spielte den sterbenden Schwan, niemand wurde ernsthaft verletzt. Die Gefoulten rappelten sich schnell wieder auf und stürzten sich in den nächsten Zweikampf. Denn jedem war klar: Alle sind oft einen Schritt zu langsam, alle sind technisch schon mal unbeholfen, alle treffen statt des Balles auch mal ein Schienbein. Gehört dazu, ist nicht böse gemeint.

Zum Schluss noch eine kleine Pyro-Show, dargeboten von den Ultras. Ein paar Leuchten wurden gezündet, ein bisschen Feuerwerk in den Abendhimmel gejagt. Sogar Nebel waberte über den Platz.
Was brauche ich WM – Harzliga ist das wahre Fußballleben.

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Vergangene Woche war ich im Luchs-Quartier in Hasselfelde.
Davor ging es um zwei Neueröffnungen in Quedlinburg.
Hier war ein Arbeitseinsatz im Waldseebad Hasselfelde angesagt.
Davor war ich bei einem Termin von Ministerpräsident Sven Schulze in Gernrode.
Hier habe ich über den Start der Motorrad-Saison 2026 geschrieben.
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