DDR-Museum in Thale – 40 Jahre Ost-Geschichte im Möbelhaus

Harzletter, der Einhunderteinunddreißigste.

Der Osten lebt! Und wie! Und wer sich ins DDR-Museum in Thale verirrt, weiß auch, warum. So viel Geschichte, so viele kleine und große Erinnerungen. So viel Krimskrams, aber auch Dokumente, Fotos, Fahnen, Abzeichen, Uniformen – und jede Menge Erklärungen für die, die nicht dabei waren.

131 ddr museum mueller

Verirren ist genau der richtige Ausdruck, wenn es um das DDR-Museum geht. Denn es hat nicht, wie wohl jedes andere Museum, einen Eingang in einem eigenen Gebäude, sondern es ist im sechsten Stock des Möbelhauses Müller untergebracht. Man betritt also das Möbelhaus, ist umringt von lauter Einrichtungs-Deko-Artikeln und sucht (und findet schnell) den Weg zu einem leicht klapprigen Fahrstuhl nach oben.

131 ddr museum Eingang

Und dort eröffnet sich in einem langen Büroflur, von dem rechts und links Räume abgehen, eine längst untergegangen geglaubte Welt. Die DDR von 1949 bis zur friedlichen Revolution. In üppiger Fülle und bereit zum Kopfsprung in die Ost-Vergangenheit. So weit, so kurios. 

131 ddr museum magnete

Aber die Geschichte geht noch weiter. Das DDR-Museum ist keine staatliche Angelegenheit, sondern eine Privat-Initiative von Frank und Anke Müller, den Eigentümern des Möbelhauses. Wie es dazu kam? Hier ihre eigene Erklärung von der Webseite:

Seit dem Jahr 2000 betreiben wir, die Familie Müller, ein Möbelhaus. Dieses Möbelhaus haben wir ohne irgendwelche Fördermittel auf 4 Etagen in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude des Eisen- und Hüttenwerkes Thale (EHW) errichtet und sind damit seit über 15 Jahren sehr erfolgreich. In der 6. Etage unseres Hauses, welches 1973 gebaut wurde, befand sich ein Chemielabor für die Emaille-Forschung des Behälter- und Apparatebaus. Als im Eisen- und Hüttenwerk 1992 die Lichter aus gingen, ist in der 6. Etage unseres Hauses die Zeit stehen geblieben. Zum Teil kleben noch die original Tapeten an der Wand und es riecht wie früher, nach Bohnerwachs.

131 ddr museum kasse

Wir sind eigentlich keine Ostalgiker, aber 40 Jahre DDR, 40 Jahre Mangelwirtschaft und Bevormundung in einem zentralistisch geführten System haben ihre Spuren hinterlassen, die in der Zeitgeschichte verblassen werden. 

Aber 40 Jahre DDR Geschichte ist auch die Lebensgeschichte von 17 Millionen Deutschen, die gute und schlechte Erinnerungen birgt, die gerade jetzt, wo bereits die „Nachwendekinder“ selbst zu Eltern werden, nicht in Vergessenheit geraten darf.

Dann ist da noch dieser umwerfende Ost-Zweizeiler:
Keine Latte für die Laube, für den Trabi keine Schraube,
für die Toilette kein Papier, aber den Sozialismus hatten wir.

Viel besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.

131 ddr museum Thaehlmann

Am 1. Mai 2011 ging es los. Passenderweise mit einer Maiparade inklusive Autokorso, Honecker-Double und reichlich Blauhemden und Ex-DDR-Uniformen. Der Andrang war groß, die Begeisterung für das DDR-Museum ebenfalls. Frank Müller hatte vieles selbst zusammen getragen, und auf Aufrufe hin wurde ihm noch mehr zur Verfügung gestellt. In aufwendiger Arbeit erstellte er selbst Info-Texte zu den einzelnen Themen-Bereichen.

Das DDR-Museum zeigt die Zeit ab 1949

So sieht man die Notunterkünfte von 1949, gleich gegenüber eine Stasi-Amtsstube, es geht weiter mit Wohn- und Schlafzimmern, einer Kücheneinrichtung der 50er-Jahre. Sammlungen von Fahnen, Abzeichen und Urkunden, Vitrinen mit Spielzeug, Zeitschriften und Haushaltsgegenständen.

Dann die Büroausstattungen: Schreibmaschinen, die ersten selbst-entwickelten DDR-Computer. Und so weiter, und so weiter.

Mit mir sind überraschend viele Besucher hier in der sechsten Etage unterwegs, obwohl es mitten in der Woche und keine Urlaubszeit ist. Wenn man sie hört, ist klar, warum. „Guck mal, das hatten wir auch“, ist ein ständiger Ausruf. Das DDR-Museum ist eine kleine Reise in die eigene Vergangenheit, und in der Erinnerung verklärt sich ja bekanntlich einiges.

Was auf den ersten Wessi-Blick eher vorsintflutlich und wenig attraktiv wirkt, hat beim zweiten Hinschauen durchaus seinen Charme. Besonders gut gefallen mir die Parolen für Frieden und Sozialismus („Seid bereit!“) oder ein schlichtes: „Bitte warten! Sie werden platziert“. 

Das alles war mal wirklich ernst gemeint – aber in der Rückschau fällt auch die Hohlheit und die unfreiwillige Komik der Sprüche auf.

Eindringlich wird es in der Abteilung, die sich mit der Wende befasst. In einer Umfrage aus dem Jahr 2009 sind Einschätzungen von Bürgern dokumentiert. Und schon damals, vor 15 Jahren antworteten viele auf die Frage, ob sie sich von den aktuellen Parteien vertreten fühlen, mit einem schlichten „Nein“.

131 ddr museum gysi

Ein kleines Überraschungs-Wiedersehen gibt es für mich im DDR-Museum auch noch. Auf einer Titelseite des „Neuen Deutschland“ ist ein Mann mit einem Besen abgebildet: Gregor Gysi nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der SED. Ja, das war er mal, vom 9. bis zum 17. Dezember 1989, bis sich die Partei in SED-PDS umbenannte. Vorsitzender der Nachfolge-Partei PDS war Gysi übrigens bis zum 31. Januar 1993. Auch ein Stück Geschichte.

Heute ist das mehr oder weniger Folklore. So wie immer noch ein paar Nostalgie-Trabbis auf den Straßen unterwegs sind. Aber es lohnt sich, das aus der Nähe und im Detail zu sehen. Da stecken immerhin 40 Jahre deutsches Leben drin. Und es war wirklich nicht alles schlecht.

Vergangene Woche ging es um die Walpurgisnacht 2025 und deren historischen Ursprung.

Davor besuchte ich das Bonhoeffer-Haus in Friedrichsbrunn.

Hier ging es um die Ergebnisse der Bundestagswahl im Harz.

Und dann habe ich den Hexentanzplatz in Thale besucht.

Hier geht es zurück auf die Startseite.

Auf Instagram findet der Harzletter auch statt: www.instagram.com/harzletter.de/

Kontakt

Kommentare, Nachrichten, Fragen, Lob und Kritik an:

Erwin Klein
info@harzletter.de