Faschingsbaden 2025 bei den Eisperlen in Hasselfelde

Harzletter, der Einhundertsechsundzwanzigste.

Faschingsbaden heißt: Ich bin eine Möhre und gleich muss ich ins Eiswasser.

Das klingt nach dem Anfang einer ziemlich schrägen Geschichte, und genau das ist es auch. Die Ausgangslage: Es ist Faschingszeit, auch im Oberharz, und wer denkt, der Harzer an sich ist nicht direkt eine rheinische Frohnatur, sollte am Ende dieses Textes vielleicht noch einmal neu überlegen.

126 Faschingsbaden Vor dem eintauchen

Denn: Im Oberharz, genauer gesagt in Hasselfelde, kostümiert man sich nicht einfach und trinkt dazu Alkohol – in Hasselfelde steigt man zusätzlich in das Eiswasser des Waldseebads. Ist ja auch irgendwie logisch: Da, wo es in Norddeutschland mit am kältesten ist, gibt man sich noch einen zusätzlichen Faschingsbaden-Frischekick. Finden Sie leicht bekloppt? Da haben Sie recht – aber die Titulierung „bekloppt“ ist unter Karnevalisten eine Art Ritterschlag. Je bescheuerter desto besser, jeder Jeck ist schließlich anders und das ist auch gut so.

126 Faschingsbaden Spielmannszug

Ich stehe also am Samstag Nachmittag beim groß angekündigten Faschingsbaden im Waldseebad ganz in Orange verkleidet als Möhre herum; um mich herum die Hasselfelder Eisperlen, die sich diese Veranstaltung ausgedacht und organisiert haben, außerdem sind da badewillige Gäste aus Magdeburg, Goslar und Osterwieck, hinzu kommen der Spielmannszug Hasselfelde und rund 250 Zuschauer, die sich so ein Spektakel nicht entgehen lassen.

126 Faschingsbaden Kasse

Es ist mit minus zwei Grad einigermaßen kalt, dazu leichter Schneefall, die Wassertemperatur liegt bei einem Grad. Um die nackten Waden herum wird’s kühl, man kann sich leicht kuschligere Situationen vorstellen. Aber die Stimmung ist gut, wir Bade-Entschlossenen feuern uns gegenseitig an und bleiben gelassen; schließlich machen die meisten das nicht zu ersten Mal.

Zum Faschingsbaden wird die Eisdecke aufgebrochen

Die Hasselfelder Eisperlen gibt es seit 2016; sie sind eine Abteilung des Hasselfelder Skivereins. Zehn Frauen fingen damals an, das Waldseebad im Winter an jedem Wochenende als Wellness-Oase zu nutzen. Und wer die Frauen im Oberharz kennt, weiß: Die ziehen das durch. Heute machen regelmäßig etwa 20 Frauen mit, und sogar eine Handvoll Männer hat inzwischen das Eisbaden für sich entdeckt.

Wenn es temperaturmäßig richtig zur Sache geht, friert das Waldseebad zu. So auch an diesem Faschingsbaden-Wochenende. Bereits am Freitag musste eine 15 Zentimeter dicke Eisschicht mit der Kettensäge aufgebrochen und beseitigt werden. Das ist natürlich Männersache – und wird nach sanftem Anfragen der Eisperlen auch immer prompt erledigt. Es gibt einzelne Insider-Stimmen, die behaupten, dass die Frauen des Skivereins diejenigen sind, die in Hasselfelde wirklich das Sagen haben. Aber das ist sicher nur ein dummes Gerücht. Samstag Mittag steht jedenfalls eine perfekte schwimmbadgroße eisfreie Fläche zum Eintauchen bereit.

126 Faschingsbaden Start

Alles ist bereit: der Spielmannszug spielt, das Gedränge in den Umkleide-Bretterverschlägen hat sich aufgelöst, an der Kuchentheke herrscht reger Betrieb, die Sommer-Liegewiese ist dicht mit Zuschauern gefüllt. Aber statt ins Wasser soll erst noch eine Art Parade am Schwimmbadrand aufgeführt werden. Also gut: die Kapelle vorneweg, die sparsam Bekleideten hinterher. Schön durchgefroren geht es dann aber wirklich im Gänsemarsch die Stufen hinunter ins Wasser.

Wasser? Das ist kein Wasser. Das sind tausende kleine Nadeln, die in die Beine stechen. Die jedes Körpergefühl unterhalb des Bauchnabels ruckartig zum Stillstand bringen. Wenn ich jetzt bei Amnesty International anrufen würde, wäre mir die Anerkennung als Folteropfer sicher. Blöderweise mache ich hier freiwillig mit, niemand zwingt mich zum Faschingsbaden. Und komisch, nach einer Weile ist es fast auszuhalten. Auf- und ab hüpfen hilft, die Beine brennen jetzt, man kann sie jedenfalls wieder fühlen. Dann kommt der harte Teil: Abtauchen bis zum Hals. Um mich rum lauter lachende Gesichter – das kann nur an meinem Kostüm liegen. 

Ich dagegen kann nur lauter oder leiser röcheln, das Eiswasser stoppt alles: die Gedanken, die Stimme, die Beweglichkeit. Irgendjemand neben mir schwimmt sogar ein paar Züge. Angeber.

Dann noch ein gemeinsames Karnevalslied im Wasser, ich summe ein bisschen mit und anschließend nix wie raus.

Das Abtrocknen und Ankleiden in besagtem Bretterverschlag – natürlich unbeheizt – ist dann noch eine Übung der besonderen Art, aber auch das geht vorbei. Gut eingepackt dann erst an den Glühweinstand und anschließend rüber zum Grill: Noch nie war die Thüringer so gut.

126 Faschingsbaden Das Gefuehl danach

Genau 44 Bekloppte haben mitgemacht; jetzt stehen sie alle da und grinsen breit vor sich hin. Ich natürlich auch – und wer wissen will, wie der Harzer wirklich tickt, ist in Hasselfelde genau richtig. An jedem Wochenende und besonders zum Faschingsbaden. Einfach nach den Eisperlen fragen und sich über gar nichts wundern.

Vergangene Woche ging es um den Stand bei den Umbauarbeiten beim Quedlinburger Stiftsberg.

Hier fand das Amateur-Casting für das Walpurga-Musical statt.

Dann gibt es eine Winter-Wander-Runde rund um Treseburg und das Bodetal

Davor war Ski-Langlauf in der Ackerloipe angesagt.

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