Harzletter, der Zweihundertundelfte.
Die Schlange bis zum Eingang ist über 100 Meter lang. „Mit einer Stunde Wartezeit muss man rechnen“, sagt Doreen Klinger, Museumspädagogin in Quedlinburg. Sie steht mitten im Eröffnungstrubel des neuen Schlossmuseums. „Mit soviel Andrang hatten wir nicht gerechnet.“

Das Drumherum passt: Bestes Wetter, Nationalfeiertag, da kann man schon mal einen Ausflug machen. Für das Schlossmuseum wird seit Wochen geworben – als besonderes Extra ist am Eröffnungstag der Eintritt frei. Da nimmt man den anstrengenden Anstieg auf den Berg und die Wartezeit in Kauf.
Denn der Weg nach oben ist steil und holprig und führt über Kopfsteinpflaster. Es gibt auch eine Art Hintereingang, die Pastorentreppe mit 67 Stufen. Dann, oben auf dem Quedlinburger Stiftsberg weitet sich der Blick über die gesamte Altstadt und, auf der Südseite, hinüber zu den Anhöhen des Harzes. Hier ist man wirklich „oben“ und kann nachempfinden, was Kaiser, Könige und Äbtissinnen über Jahrhunderte an diesem Berg faszinierte.


Die offizielle Einweihung des Schlossmuseums fand mit einem Festakt am 30. September in der Stiftskirche statt. Vertreter der Stadt, der Evangelischen Kirche und des Landes beglückwünschten sich dabei gegenseitig zum gelungenen Bauvorhaben – immerhin wurden rund 50 Millionen Euro investiert.
Ein erster Rundgang im Schlossmuseum
Und schon bei einem ersten kurzen Rundgang wird deutlich: Hier wurden keine halben Sachen gemacht. Die Idee, ein Museum von internationalem Rang zu schaffen, oder, wie Oberbürgermeister Frank Ruch es einst formulierte, „in der Champions League zu spielen“, wurde wirklich umgesetzt. Auch wenn drei Tage vor dem Publikumsstart noch in fast allen Räumen gearbeitet wurde. Kabel hingen von der Decke, Ausstellungsstücke fehlten noch, es wurde weiter angestrichen, gebohrt und geschraubt.
„Am 3. Oktober ist alles fertig“, versicherte Uta Siebrecht, Leiterin der Städtischen Museen und Verantwortliche für die Museums-Neukonzeption. Und sie behielt recht.
Was ist jetzt das Einzigartige an diesem Museum? Wieder Uta Siebrecht: „Wir zeigen hier drei Schwerpunkte – die Erinnerungskultur, starke Frauen und das Stift selbst. Das Stift wurde im Jahr 936 gegründet und zurück auf König Heinrich I. – sein Zweck war, die Erinnerung an ihn lebendig zu halten.“

866 Jahre lang, bis zum Jahr 1802, wurde dieses Vermächtnis lückenlos aufrecht erhalten, bis Napoleon die Auflösung des Stifts verfügte. Insgesamt 39 Äbtissinnen hatten in dieser Zeit auf dem Berg und in der Stadt Quedlinburg sowie der Umgebung das Sagen. Das waren keine frömmelnde Frauen, die bescheiden hinter Klostermauern lebten, sondern macht- und standesbewusste adlige Damen, die, wenn es darauf ankam, vor Gewalt und militärischen Auseinandersetzungen nicht zurückschreckten.
Standesbewusst und durchsetzungsfähig
Sie waren nur dem Kaiser und dem Papst untertan, und legten großen Wert auf ein standesgemäßes Auftreten. Das wird in den Repräsentationsräumen sichtbar, die im 17. und 18. Jahrhundert schlossartig ausgebaut wurden, und adligen Herrschaftssitzen in nichts nachstanden. Daher auch die leicht irreführende Bezeichnung „Schlossmuseum“ – sie hat sich eingebürgert und wird beibehalten, obwohl der Stiftsberg nie ein richtiges Schloss war.
Die dritte Besonderheit sind die Gebäude selbst. Die über tausend Jahre alte romanische Stiftskirche ist das Zentrum der Anlage. In ihr sind die Grabstätten von Heinrich I. und dessen Frau Mathilde sowie von einer Reihe von Äbtissinnen. Diese Kirche ist aber nicht nur Museum und historischer Ort, sondern dient weiter als ganz normale evangelische Gemeindekirche. Weswegen bei allen Fragen der Neukonzeption die Evangelische Kirche immer mit am Tisch saß und zustimmen musste.

Geistliche und weltliche Macht prallten auf dem Berg schon immer aufeinander – und das waren nicht nur regionale Zankereien. Als Aurora von Königsmarck 1704 als Äbtissin kandidierte, entwickelte sich daraus ein europaweiter Konflikt zwischen verschiedenen Adelsparteien. 14 Jahre lang bleib in Folge der Äbtissinnenstuhl unbesetzt.
Aurora von Königsmarck war übrigens eine der schillerndsten Persönlichkeiten auf dem Stiftsberg: Erste offizielle Mätresse des Sachsenherzogs August des Starken, hochgebildete Dichterin und Musikerin, zu ihrer Zeit eine auffallende Schönheit, von Voltaire angeblich als „berühmteste Frau zweier Jahrhunderte“ bezeichnet.
Fotos der Äbtissinnen
Um die Bedeutung der Äbtissinnen angemessen darzustellen, haben sich die Schlossmuseumsmacher etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Da nur von einem kleinen Teil Abbildungen existieren, wurden Frauen aus Quedlinburg fotografiert, die den Äbtissinnen vermutlich ähnlich sind. Diese Fotos wurden aufwändig bearbeitet, so dass die Personen historisch möglichst korrekt aussehen. Auf diese Weise erhielt man eine Galerie aller 39 Äbtissinnen – Fotos und historische Gemälde bunt gemischt – , die im Blauen Salon, dem prachtvollen ehemaligen Repräsentationsraum, den überraschten Besucher anblicken.

Ein Beispiel dafür, was an moderner Museumsgestaltung umgesetzt wurde. Es gibt außerdem Videos, in denen die wichtigsten Personen aus diesen tausend Jahren den Besucher direkt ansprechen, auf einer Wand wurde ein historisches Kriminalstück um einen kindlichen Kaiser als riesiger Comic dargestellt, eine weitere Wand wurde wie ein Kinderbuch illustriert, um zu zeigen, wie umfangreich der Hofstaat zur damaligen Zeit war.
Es wird im Schlossmuseum aber nicht nur die vermeintlich heile Welt des Damenstifts präsentiert. Die Umwälzungen der Reformationszeit kommen ausführlich vor, Kaiser Napoleon und das unrühmliche Ende des Stifts sind Thema, und auch die dunkelste Epoche findet statt: Heinrich Himmler, der den Stiftsberg zur SS-Weihestätte umgestalten ließ.

Alles zusammen ist so umfangreich, dass bereits eine erste schnelle Führung gut zwei Stunden dauert. Man muss also Zeit mitbringen, und manchen Raum vielleicht einfach überspringen.
Oder ein zweites Mal hingehen – leider ist das Schlossmuseum und damit verbunden die Besichtigung der Stiftskirche und des Domschatzes keine ganz preiswerte Angelegenheit. Bis zum Jahresende 2026 kostet das Kombiticket 16 Euro, danach steigt der Preis auf 18 Euro. Bis 18 Jahren ist der Eintritt frei, wer in Quedlinburg wohnt, zahlt einen ermäßigten Preis.
Kein Schnäppchen, und doch: Der Berg ruft.

Und während sich vor dem Museumseingang die Menschen drängen, geht im Terrassengarten auf dem Stiftsberg das ganz normale Leben weiter. Das neu erbaute Teehaus ist ein beliebter Hochzeits-Fotospot – auch am 3. Oktober 2026.
—
Vergangene Woche ging es um Fallstein und Huy, die Wandergebiete nördlich des Harzes.
Hier radelte ich zu einigen Feldwarten rund um Quedlinburg.
Davor waren Italien und um die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Thema.
Davor bin ich auf Wurmberg und Achtermann gewandert.
Am 5. August war ich beim Klangwechsel des John-Cage-Projekts in Halberstadt.
Und hier geht es zurück auf die Startseite