Harzletter, der Einhundertneunundfünfzigste.
Wo bitte ist hier der Stempelkasten? Ich stehe vor den großen Zeterklippen, die letzten paar Hundert Meter waren richtig anstrengend. Vor mir die mächtigen Steine mit verlockender Aussicht auf den Brocken – aber das Einzige, was mich gerade interessiert, ist: wo bekomme ich hier den blöden Stempel für meinen Wanderpass?

Denn ich bin eingeknickt. Jahrelang bin ich durch den Harz gelaufen und habe die grünen Kästen ignoriert. Schließlich will ich Natur erleben und keine Listen abhaken. Doch dann hat mir ein Freund vorgeschwärmt von den eher unbekannten Orten, die er durch die Wandernadel entdeckt habe. Einfach, weil der den Stempel in seinem Heft haben wollte. Hinzu komme die fast kindliche Freude, wenn sich so ein Heft langsam fülle.
Und ich dachte: Warum nicht? Einen Versuch ist es wert. Und wenn ich schon damit anfange, dann auch richtig. Möglichst viele Stempel an einem Tag sollen es werden. Aber in gemütlichem Tempo, ohne Kraftakte. Soweit der Plan.

Jetzt, an der Zeterklippe, bin ich eher genervt. Erst einmal die Steigleiter hoch und oben eine Pause einlegen. Der Brocken ist zum Greifen nah, einfach nur schön – ob mit Stempel oder ohne. Dann wieder runter und nach rechts Richtung Gelber Brink. Und dann taucht sie auf einer Lichtung auf, die Stempelstelle, und eine Bank gibt es auch. Na also, geht doch. Nummer 10 auf der Liste wäre damit erledigt.

Gestartet bin in gegen zehn Uhr in Ilsenburg. Um diese Zeit haben Wanderprofis schon längere Strecken absolviert. Aber mit denen will ich mich gar nicht erst messen. Erstes Ziel: Der Ilsestein. Ein Harzer Wahrzeichen, nicht nur wegen Heinrich Heine, der ihm in seiner „Harzreise“ verewigt hat. Es geht – natürlich – sofort heftig bergauf, wie immer, wenn man vom Harzrand startet. Bald kann ich Ilsenburg von oben sehen, um mich herum nur noch Wald und Natur. Das Wetter ist herbstlich sonnig, außer mir ist kaum jemand unterwegs. Schnell bin ich durchgeschwitzt; das gehört dazu.
Der allererste Stempel am Ilsestein
Dann oben! Mein erster Stempel ist fällig; keine große Sache, aber ein bisschen freut es einen doch.
Natürlich habe ich mir eine Strecke ausgeguckt, auf der die Stempelstellen nicht allzu weit auseinander liegen. Wenig überraschend konzentrieren sich diese Harz-Highlights rund um den Brocken. Deswegen habe ich vor, von Ilsenburg am Brocken vorbei bis nach Elend zu laufen. Das sind laut Google gut 20 Kilometer, das klingt machbar.



Das nächste Ziel ist Plessenburg. Vorbei an der Paternosterklippe und weiteren Aussichtspunkten. Aber die interessieren mich gerade nicht, ich bin strikt Stempel-orientiert. Der Weg ist einfach und schnell absolviert. Auffallend viele Radfahrer und Mountainbiker sind hier unterwegs, die Plessenburg ist ein beliebter Treffpunkt und Rastplatz. Der Stempelkasten fällt sofort ins Auge: Direkt neben ihm steht ein riesiger röhrender hölzerner Hirsch.
Die Harzer Wandernadel gibt es seit 2006, am Anfang stand eine Arbeitsförderungsmaßnahme. Michael Lütje, ein damaliger Mitarbeiter der Kommunalen Beschäftigungsagentur, überlegte sich ein Projekt für Jobsuchende mit dem gleichzeitig der Tourismus gestärkt werden sollte – so kam es zum Konzept der Stempelkästen. Die Auswahl der Stempelstellen wurde zusammen mit den Harzklubs erstellt. So ein Projekt gab es bis dahin in Deutschland nicht.
Pro Jahr 150.000 verkaufte Wanderpässe
Heute, nach fast 20 Jahren, ist der Erfolg der Wandernadel unstrittig und das Konzept vielfach kopiert worden. Pro Jahr werden rund 150.000 Wanderpässe verkauft, so Charlotte Jacobs, bei der Harzer Wandernadel zuständig für Marketing und Produktentwicklung. Bis heute gibt es 14.754 Wanderkaiser und -kaiserinnen. Dafür muss man alle 222 Stempelstellen abklappern; das sind zwischen 1.000 und 1.200 Wanderkilometer.



Ich bin auf dem Weg zu meinem dritten und vierten Stempel, den Wolfsklippen und dem Ferdinandstein. Das sind Ziele, auf die ich ohne Stempelheft kaum gekommen wäre. Sie liegen etwas abseits, es geht meist über schmale, manchmal schwierige Wege, und leider auch meist wieder bergauf. Bis ich am Ende bei den beiden wohl einsamsten Stempelkästen im gesamten Harz lande. Sie stehen jeweils mehr oder weniger allein zwischen ein paar Steinen in der Landschaft rum. Egal, Stempel ist Stempel, und die Weite der Landschaft etwa um die Wolfsklippen hat ihren ganz eigenen Reiz.
So langsam bin ich im Flow und fühle mich fast schon wie ein Wandernadel-Experte. Das nächste Ziel, der Molkenhausstern, liegt bereits in Reichweite. Aber die Kilometer ziehen sich, die Beine sind auch nicht mehr ganz frisch und um mich herum nichts als tote Bäume. Ich bin im Gebiet des Borkenkäfer-Massakers, und auch, wenn überall frisches Grün nachwächst, ist es keine fröhlich stimmende Umgebung.

Hier sind fast nur noch Harz-Kenner unterwegs; als ich bei einer Abzweigung unsicher bin und nach dem besten Weg frage, erhalte ich sofort einen Vortrag über verschiedene Streckenvarianten und deren Vor- und Nachteile. Das ist eine weitere Besonderheit der eher unbekannten Stempelstellen: Man kommt dort schnell miteinander ins Gespräch und erfährt viele interessante Details.
Der Anstieg zu den Zeterklippen ist dann wieder fordernd, aber das kennt man ja schon. Nach dem spektakulären Rundumblick dort ist der Weg danach umso schöner: sattes Grün, teilweise moorig, und dann geht es sogar durch dichten Fichtenwald. Am Wegrand reichlich Pilze, an vielen Stellen ist der Boden von Wildschweinen aufgewühlt. Zwischendurch ist es fast ein bisschen unheimlich: Was wenn hier plötzlich ein Rudel Wildschweine auftauchen würde …



Gelber Brink heißt der nächste Anlaufpunkt; hier trifft mein Weg auf die Brockenstraße, die von Schierke aus ganz nach oben führt. Ein paar Radfahrer keuchen noch dem Gipfel entgegen, mir geht dagegen so langsam die Luft aus.
Die Stars der Stempelstellen
Bei den insgesamt 222 Stempelstellen gibt es auch einige Stars: Die Nummer 9 auf dem Brocken zum Beispiel, oder die Nummer 81 der Sandhöhlen im Heers bei Blankenburg. Außerdem: Die Achtermannshöhe bei Braunlage mit der Nummer 12, die in diesem Jahr zur schönsten Stempelstelle ausgezeichnet wurde. Charlotte Jacobs hat ihre ganz eigenen Favoriten: Zum Beispiel die Nummer 135 Wolfswarte bei Altenau, „da der Weg hinauf bereits ein wahres Abenteuer darstellt.“
Ich denke nicht an Favoriten, ich marschiere den Glashüttenweg entlang Richtung Schierke. Hier will ich noch die Nummer 13 Ahrensklint abhaken. Noch eine Klippe und wieder ein spektakulärer Blick auf die Felsen und in die Landschaft.


Nach zwei weiteren Kilometern komme ich am Bahnhof Schierke vorbei. Hier steht abfahrbereit die Schmalspurbahn Richtung Wernigerode. Die Lok unter Dampf, gleich soll es losgehen. Kurz entschlossen kürze ich ab – Elend und die beiden weiteren eingeplanten Stempel können warten.
Die Bahn ruckelt los nach Drei Annen Hohne, Zeit für eine erste Bilanz. Acht Stempel, 23 Kilometer gelaufen, zu viele Höhenmeter, und ein gutes, müdes Gefühl.

Bis zum Wanderkaiser sind es jetzt nur noch 214 Stempelkästen. Im Grunde ein Klacks.
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Vergangene Woche war ich beim Amateurfußball, genauer: bei der A-Jugend der Spielgemeinschaft Gernrode/Quedlinburg/Bad Suderode
Hier ging es um Denkmale in Quedlinburg und Ballenstedt.
Davor besuchte ich eine Übung der Bergwacht Harz in Schierke.
Mein vergeblicher Versuch, das Herbergsmuseum in Blankenburg zu besuchen.
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