Harzletter, der Einhunderteinundachtzigste.
Der Frühling kommt – Zeit, wieder einmal Amateurfußball zu schauen. Und da im Nachbarort Westerhausen ein echter Abstiegskampf anstand, war die Wahl leicht: SV 1890 Westerhausen gegen SSV Havelwinkel Warnau.

Verbandsliga Sachsen-Anhalt, zweithöchste Amateurliga – da wird schon richtig Fußball gespielt. Vorletzter gegen Drittletzten, das versprach zumindest einen harten Kampf.
Das wurde es auch, und der endete mit einem sehr verdienten und sehr bejubelten 3:1-Sieg der Westerhausener.
Jetzt mal chronologisch aus der Sicht eines vollkommenen Neulings – ich war noch nie beim Fußball in Westerhausen, hatte bisher keinerlei Ahnung über den Verein, die Mannschaft und das ganze Drumrum.
Sofort wird klar: hier geht einiges ab
Schon als ich mich per Fahrrad etwas verspätet der Wolfsberg-Arena (heute heißt ja fast jeder Dorf-Fußballplatz Arena) nähere, wird mir klar: Hier geht einiges ab. Laute Schreie, Trommeln, Klatschen, Aufstöhnen – alles dabei. Die Wolfsberg-Arena des SV 1890 Westerhausen ist ein wunderbar im Wald gelegener Naturrasenplatz am Ortsrand. Fünf Euro Eintritt, kann losgehen.

Gleich auf den ersten Blick sehe ich: Hier wird gefightet. Ruppige Zweikämpfe, viel Spiel im Mittelfeld, reichlich Fouls. Schiedsrichter Jannis Körner lässt ziemlich großzügig laufen, was natürlich, wenn es zum Nachteil der Westerhausener ist, heftig beschimpft wird. Trotzdem gibt es genügend Freistöße, und alle paar Minuten wälzt sich ein Spieler am Boden. Es ist nichts wirklich Böses dabei, keiner bleibt liegen oder muss ausgewechselt werden, aber die Mannschaften schenken sich nichts.

Zu Beginn ist Warnau die überlegene Mannschaft, Westerhausen kommt nur selten nennenswert über die Mittellinie. Aber die Warnauer Angriffe erschöpfen sich meist in langen hohen Bällen in den Sechzehner – kein Problem für Keeper Julian Nebe.
Westerhausen wird stärker
Aber nach und nach gelingt es Westerhausen, sich zu befreien und mehr nach vorn zu spielen. Ebenfalls viel lang und hoch, aber immer auch mit ein paar ziemlich ansehnlichen Einzelaktionen. Überhaupt konnte man sehen, dass da ein paar richtig gute Fußballer auf dem Platz standen. Zeitweise wurde richtig schön kombiniert, ein paar gute Tricks gab es auch zu sehen. Kein planloses Gebolze. Und, was mir besonders auffiel: Beide Mannschaften gaben richtig Gas; da stand keiner rum, da war kein Schönspieler dabei, da wurde gegrätscht und attackiert und nach hinten gearbeitet.

In der 38. Minute fiel das 1:0 für Westerhausen durch Edwin Teah – nach einer Einzelleistung und mit ein bisschen Glück senkte sich der abgefälschte Ball ins Netz. Heftiger, fast euphorischer Jubel auf und neben dem Platz, man merkte, wie wichtig dieses Spiel für die Mannschaften war. Ein paar Minuten später sogar das 2:0 durch Adriel Ribeiro De Olivera. Das schien fast schon die Entscheidung zu sein, entspannt gingen die Westerhausener in die Halbzeitpause.
Seit 1929 Fußball in Westerhausen
Jetzt war Zeit, mich ein bisschen umzusehen. Die ganze Wolfsberg-Anlage ist nicht nur schön gelegen, sondern auch gut eingewachsen. Seit 1929 wird in Westerhausen Fußball gespielt – damals unter dem Namen Eintracht Westerhausen. Das Vereinsheim heißt vorbildlich traditionell „Sportklause“, es gibt am Spielfeldrand einen kleinen Kiosk (Bier 3 Euro, Bratwurst 3 Euro, Kaffee 2 Euro), einen Turm, von wo aus die Ansagen gemacht werden, ein paar Rentner-Bänke, keine Laufbahn. Also alles wie es sein soll.


Das Spiel ist mit rund 100 Zuschauer gut besucht, darunter viele Familien mit Kindern, die reichlich Platz zum Spielen haben. Insgesamt: Beste Samstagnachmittags-Unterhaltung.
Westerhausener Multi-Kulti-Truppe
Die zweite Halbzeit begann mit einem Paukenschlag, denn schon nach einer Minute verkürzte der SSV Havelwinkel Warnau auf 2:1. Es war also nichts mit dem locker herausgespielten Sieg, jetzt war wieder alles offen. Entsprechend hitzig entwickelte sich das Spiel.


Das Westerhausener Trainerteam überschlug sich fast mit Anweisungen und Kommentaren von außen. Das Besondere dabei: Es wurde in mindestens drei Sprachen lautstark hereingerufen. Deutsch, Englisch, Portugiesisch und vielleicht noch weitere. Denn die Westerhausen-Mannschaft ist eine echte Multi-Kulti-Truppe. Ich konnte drei Japaner erkennen, den Namen nach standen einige Portugiesen und/oder Brasilianer auf dem Platz, dazu Afrikaner, US-Amerikaner und Dmytrii Pavlish dürfte aus Osteuropa stammen. Deren Zusammenspiel funktionierte richtig gut, einer kämpfte für den anderen; da wurde von den Trainern allerbeste Arbeit geleistet.

Westerhausen ist ein Dorf mit knapp 2000 Einwohnern – erstaunlich, dass in so einem Ort so eine Mannschaft auflaufen kann. Dahinter steht der Sponsor „dachbleche24“, ein Unternehmen aus Wriezen ganz nah an der polnischen Grenze. Warum so eine Firma den SV 1890 Westerhausen massiv unterstützt und sogar im Arena-Namen auftaucht, ist eine spannende Frage, die ich aber (noch) nicht beantworten kann.
3:1 – dann war das Spiel entschieden
Zurück zum Spiel:
Nach dem 2:1 ging es wild hin und her, beide Mannschaften versuchten alles. Westerhausen spielte ruhiger, hielt auch mal den Ball unter Kontrolle, schließlich führte man noch. Warnau kam trotz aller Bemühungen nicht richtig nach vorn, und dann passierte in der 66. Minute der unvermeidliche Konter. Westerhausen kombinierte sich schön durch und spielte Lukas Stridde frei, der nur noch einschieben musste. Natürlich wieder großer Jubel.

Danach war das Spiel durch. Es wurde zwar auf beiden Seiten gewechselt, es gab auch noch ein paar Strafraumszenen, aber man hatte nie das Gefühl, dass da noch etwas wackeln würde.
Nach ein paar Minuten Nachspielzeit war das 3:1 fix. Ein wichtiger Sieg im Abstiegskampf, der entsprechend gefeiert wurde.

Schönes Spiel, gutes Drumrum, zum SV 1890 Westerhausen gehe ich wieder hin.
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