Die Harzer Schmalspurbahn und der Pufferküsser vom Selketal

Harzletter, der Einhundertachtzigste.

Diese Geschichte über die Harzer Schmalspurbahn (HSB) ist etwas Besonderes: Schon lange wollte ich über die Menschen schreiben, die täglich an den Gleisen stehen und die vorbeifahrenden Züge der HSB fotografieren. Ich meine nicht die Touristen, die die Dampfloks an den Bahnhöfen im Visier haben. Sondern die wahren Enthusiasten, für die Trainspotting fast eine Berufung ist.

179 schmalspurbahn Dampf

Gar nicht so einfach – Trainspotter oder auch Pufferküsser bleiben gern unter sich. Bis ich mit Hilfe von Dirk Bahnsen, dem HSB-Pressesprecher, auf Sebastian Schulze traf. Und mit dem ergab sich folgende wunderbare Schmalspurbahn-Geschichte:

Warten auf die Schmalspurbahn

Ein Mann steht am Waldrand auf einem Baumstumpf und schaut konzentriert in die Ferne. Fünf Minuten, zehn Minuten – er rührt sich nicht. Um den Hals hat er eine Kamera, ein paar Meter unterhalb führen die Gleise der Harzer Schmalspurbahn (HSB) vorbei.

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Wir sind am Bergsee Güntersberge. Jeden Augenblick muss der HSB-Planzug mit der Lok 99 7247-2 auftauchen. Der Mann im Wald ist Sebastian Schulze, und Sebastian hat eine Mission.

Er macht Fotos. Von den Zügen der HSB. Fast jeden Tag, seit 22 Jahren. Er verdient damit kein Geld, es ist sein Hobby. Aber was heißt schon Hobby – es ist viel mehr als das.

Immer nah dran am Schienennetz der Schmalspurbahn

Sebastian Schulze ist 33 Jahre alt. Geboren in Quedlinburg und aufgewachsen in Thale, war er immer nah dran am Schienennetz der Schmalspurbahn. Und der Dampflok-Virus war auch immer da. „Schon zu Kindergarten-Zeiten habe ich den Zügen gern hinterher geschaut.“

Dann kamen die ersten vorsichtigen Foto-Versuche, noch mit Rollfilm, der zum Entwickeln abgegeben wurde. Irgendwann wurde es digital, eine bessere Kamera musste her, die Begeisterung blieb konstant.

179 schmalspurbahn Felsen

Inzwischen ist Sebastian Schulze Profi, nicht nur was das Fotografieren angeht. Wer sich mit ihm unterhält, staunt, was es über die HSB alles Wissenswertes gibt. Die Historie, die Strecken, die Loks und Wagons, die Fahrpläne: Sebastian hat alles im Kopf. Auf der Selketalstrecke – eigentlich im gesamten Harz – kennt er jedes Signal, jeden Fotopunkt und die Lokführer, Heizer und Zugbegleiter sowieso. 

„Hörst du das?“ – Dann kommt der Zug

Jetzt kommt er auf dem Baumstumpf in leichte Bewegung: „Hörst du das?“ ruft er. Und tatsächlich, ganz leise ist das typische Pfeifen der Dampflok zu hören. Dann sehen wir den ersten Rauch, und dann kommt Lok 99 7247-2 auf uns zu. Ein, zwei Sekunden, und weg ist sie. Sebastian klettert von seinem Beobachtungsplatz herunter. „Ein paar gute Bilder werden dabei sein“, meint er, „aber das geht noch besser.“

179 schmalspurbahn Aufnahme

Sebastian ist Trainspotter, Pufferküsser, Nietenzähler, Trainiac. Das sind einige Bezeichnungen für diejenigen, die Züge systematisch fotografieren. Denen es nicht reicht, ein Handyfoto oder ein Video zu machen, wenn im Urlaub zufällig eine alte Lok auftaucht. Pufferküssern geht es fast immer um historische Züge. Das müssen nicht unbedingt Dampfloks sein, es gibt auch Spezialisten für Diesel- oder sogar für frühe ICE-Loks. Die Szene ist groß, vielfältig und in Vereinen und einschlägigen Internet-Foren gut organisiert.

Der Harz mit dem einzigartigen HSB-Netz ist natürlich ein Paradies für Dampflok-Enthusiasten. Sebastian Schulze schätzt die Zahl der Eisenbahn-Verrückten in der Region auf etwa 200. „Man kennt sich, man tauscht sich aus, man geht manchmal auch zusammen los.“ Hinzu kommen die Auswärtigen, die für ein gelungenes Foto lange Anreisen auf sich nehmen. 

Die Wurzeln liegen in England

„Vor kurzem war ich mit einer Gruppe Holländer unterwegs“, erzählt Sebastian. „Die kamen nur wegen der Schmalspurbahn und fragten nach ein paar guten Foto-Spots.“

Seinen Ursprung hat das Zug-Fotografieren in England. Dort gab es bereits vor rund 80 Jahren erste Spotter-Clubs. Der Star der Szene ist ebenfalls ein Engländer, der sich Francis Bourgeois nennt. Er hat allein auf Instagram 2,6 Millionen Follower. Ganz soweit ist Sebastian Schulze noch nicht; ihm folgen auf Instagram (unter 997243_hsb) genau 1348 Bahn-Liebhaber.

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Start unserer Foto-Tour ist Gernrode. Dort fährt jeden Morgen um 11 Uhr der Planzug Richtung Quedlinburg los. Planzug heißt in diesem Fall: Dampflok, drei Personenwagen, ein Packwagen. Es geht ruhig zu; alles wird für den Tagesablauf gecheckt, es gibt noch kaum Passagiere. Zeit für Sebastian Schulze, sich mit den Männern auf der Lok zu unterhalten. Das sind diesmal Bernd Kapahnke und Christopher Wege; beide sind HSB-Veteranen, man kennt sich, man schätzt sich. Sebastian Schulze: „Wenn ich an einer bestimmten Stelle Fotos machen will, sage ich das vorher dem Lokführer. Dann weiß der Bescheid, und es gibt keine Probleme.“ 

Denn immer wieder laufen Leichtsinnige auf den Gleisen herum oder halten nicht genug Abstand. Die HSB schätzt und unterstützt die Foto-Begeisterten – schließlich ist jedes Bild kostenlose Werbung – aber weist auf ihrer Webseite auch deutlich auf Einschränkungen und Verbote hin. 

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Trainspotting ist zum einen geduldiges Warten, aber auch eiliges Zusammenpacken und Weiterfahren. Unser erster Fotopunkt ist am Ortsausgang Gernrode, kurz vor dem Osterteich. Planzug 99 7247-2 fährt von Quedlinburg zur Eisfelder Talmühle, an unserem Standpunkt kommt er mit viel Dampf auf dem Kessel vorbei. Routine für Sebastian Schulze. Er stand schon oft an genau dieser Stelle. Denn es geht beim Fotografieren nicht nur um den Zug – genauso wichtig sind das Licht, das Wetter, die Jahreszeit. Das alles wechselt ständig, und deswegen müssen die Fotos immer wieder neu gemacht werden.

Ein riesiges Foto-Archiv über die Schmalspurbahn

„Ich hebe schon lange nicht mehr jedes Bild auf, vieles wiederholt sich, es geht vor allem um die besonderen Momente.“ Rund 15.000 Fotos umfasst sein Archiv inzwischen, manche Loks und Wagons, die er im Lauf der Jahre aufgenommen hat, sind längst stillgelegt.

179 schmalspurbahn ImZug

Als der Zug mit einem lauten Begrüßungspfiff vorbeifährt, geht alles ganz schnell: Ein paar Aufnahmen, zusammenpacken, weiterfahren zum nächsten Punkt. Es ist ein kleines Wettrennen: Die Lok muss ständig überholt werden, damit sich so eine Foto-Tour auch lohnt.

Auf die Art klappern wir vier Fotospots ab. Mal stehen wir nahe einer Haltestelle, mal geht es neben den Gleisen ein gutes Stück den Berg hinauf. Und für das letzte Motiv klettert Sebastian Schulze auf besagten Baumstumpf.

Nach gut drei Stunden reicht es. Ein paar brauchbare Aufnahmen sind entstanden, die müssen ausgewählt, bearbeitet und archiviert werden. Trainspotter sind ordentliche Menschen: Wer alles unsortiert rumliegen lässt, findet ganz schnell nichts mehr wieder.

Ein unverhofftes Highlight

Und dann folgt unverhofft noch eine Überraschung. „Willst du was Besonderes sehen?“, fragt Sebastian Schulze. Na klar. In seiner Wohnung, die mit allerhand HSB-Motiven dekoriert ist, öffnet er eine Tür und wir stehen wie aus dem Nichts vor einer Modellbau-Anlage, die buchstäblich das ganze Zimmer einnimmt. Die Harzer Schmalspurbahn in klein, Maßstab 1:22,5, eine sogenannte Gartenbahn. Nur HSB-Loks und Wagons, in allen Details nachgebaut. Natürlich fahren sie auch, und aus den Schornsteinen kommt künstlicher Dampf – alles per Smartphone gesteuert. 

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„Das ist meine zweite Leidenschaft“, erzählt Sebastian, „Einmal am Tag lasse ich die Züge hier fahren, das ist total entspannend.“ 

Es leuchtet und blinkt und surrt und rollt – alles auf ein paar Quadratmetern und mit viel Liebe, Mühe und Geld aufgebaut. 

Morgen geht es für ihn nach der Arbeit wieder los. Vielleicht ein paar Fotos machen, vielleicht mit dem Zugpersonal reden, vielleicht auch ein paar Stationen mitfahren. „Es ist dieser Geruch“, erklärt er, „den man schon von Weitem wahrnimmt, und der einfach einmalig ist.“

Zum Schluss noch ein paar Fotos von Sebastian. Die deutlich zeigen, was für ein herausragender Fotograf er ist.

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