Harzletter, der Einhundertsiebenundsiebzigste.
Rodeln ist Kinderkram. Auf einem Holzschlitten – oder noch peinlicher: auf einer Plastikschale – einen Abhang runterzurutschen, das ist was für Sechsjährige oder für Eltern von Kleinkindern. Andrerseits: Nirgendwo wird im Schnee soviel gelacht wie auf einer Rodelbahn. Nirgendwo sieht man so viele gut gelaunte Menschen.

Also los. Der Harz ist eingeschneit wie seit Jahren nicht mehr. Der Schnee ist pulvrig, die Temperatur perfekt knapp unter Null. Rodelhänge und -bahnen gibt es fast überall; ich habe mir für meinen Wiedereinstieg Schierke ausgesucht.
Rodeln ist billig – ein alter Schlitten, Mütze, Handschuhe, fertig
Im Keller steht noch ein alter Davos-Holzschlitten von Germina, made in DDR und unkaputtbar. Schnell die Kufen überpolieren und ein paar Schrauben festziehen. Ansonsten: Pudelmütze, Handschuhe, warme Jacke. Fertig. Rodeln ist billig. Kein Vergleich zu den Ausrüstungen der Skifahrer.
„Bahn frei – Kartoffelbrei!“ Die alte Rodelparole aus Kindertagen gibt es tatsächlich immer noch. Als ich in Schierke das Parkhaus Winterbergtor verlasse, stehe ich bereits im Auslauf des Rodelhügels. Und was höre ich als erstes? Genau: „Bahn frei …“

Die Bahn hinterm Parkaus hat mäßiges Gefälle, ist sehr breit und nur ein paar Meter lang. Rechts stapft man, abgetrennt durch einen Zaun, nach oben, von dort geht es entweder mit Skier weiter auf die Langlauf-Loipe oder mit dem Schlitten bergab.
Hier sind hauptsächlich Kleinkinder samt mehr oder weniger besorgten Eltern unterwegs. Die Mutigen stürzen sich in Bauchlage nach unten, gern auch zu zweit übereinander; die Vorsichtigen verlassen sich lieber auf Mama oder Papa.

Also genau der richtige Ort, um es nach Jahrzehnten wieder zu probieren. Das Blamage-Risiko ist gering, mehr als Umkippen kann schließlich nicht passieren. Und so läuft es dann auch gut – Schlittenfahren verlernt man nicht. Kaum gestartet, komme ich unten an, und sofort der Gedanke: Nochmal. Also wieder rauf und wieder runter, ein paar Mal hintereinander bis es fast langweilig wird. Warum gebe ich mich länger mit dem Babyhügel ab?
Ab der Jugendherberge die Rodelbahn hinauf
Zum Glück gibt’s in Schierke noch die Großmutterrodelbahn. Rund 200 Meter lang, mit einem ordentlichen Gefälle, mitten in der Natur gelegen. Woher der seltsame Name stammt, weiß niemand so richtig, aber am Ende ist das auch egal. Vom Anfängerhügel am Parkhaus geht es einen Waldweg entlang zur Jugendherberge und von dort die Bahn hinauf.

Schon beim Aufstieg merke ich: Hier ist Action. Die Bahn ist eng, die Schlitten kommen in einem ganz anderen Tempo den Berg herunter, laute Begeisterungs- und ein paar Entsetzensschreie sind zu hören. Und jede Menge Gelächter.
An einer Biegung, wo ein paar Felsbrocken liegen, haben Familien eine Art Lager aufgeschlagen. Reichlich Tupperdosen und warme Getränke sind ausgepackt, der Nachwuchs muss ja versorgt werden. Doch dieser Nachwuchs ist hauptsächlich auf der Bahn unterwegs. Hauptsache schnell, Hauptsache Spaß. Ein bisschen Blödsinn gehört dazu. Da wird ausprobiert, wieviele gleichzeitig auf einen Schlitten passen, da wird auf Knien heruntergefahren, da werden Schlitten zu einer Art Zug zusammengebunden. Und natürlich sind Handys immer dabei. Rodel-Videos scheinen gerade schwer angesagt zu sein.

Hier bin ich richtig. Bei der ersten Fahrt nach unten geht der Puls heftig nach oben – wie war das noch mal mit dem Steuern? Die Großmutterrodelbahn hat ein paar Biegungen, durch die man erst einmal sauber durchkommen muss. Aber alles kein Problem, das Anstrengendste ist der Fußmarsch zurück nach oben.
Die Königsdisziplin: Bauchlage
Jetzt werde ich selbst übermütig und traue mich an die Königsdisziplin: in Bauchlage nach unten. Früher, als Kinder, war das die einzige akzeptable Rodelart – je schneller je schöner, und wenn noch ein kleiner Sprunghügel im Weg stand: umso besser. Das muss jetzt nicht sein, aber das Gefühl, mit der Nase knapp über der Schneedecke nach unten zu rasen, hat schon was Begeisterndes. Wobei „rasen“ relativ ist: Etwa in der Mitte der Strecke werde ich locker mehrfach überholt; lief wohl doch nicht alles im Höchsttempo.

Nach dem Geheimtipp Großmutterrodelbahn will ich noch einen „richtigen“, großen Rodelhang ausprobieren. Also folgt noch ein Abstecher nach Torfhaus. Der Hang dort ist in allen Harz-Rodelempfehlungen aufgelistet, entsprechend ist der Andrang.
Großer Andrang in Torfhaus
In der Mitte zieht sich bereits eine braune Spur herunter, links gibt es einen Lift, der das Bergaufsteigen erspart. Schlitten kann man für 10 Euro pro Tag ausleihen.

Durch die vielen Besucher ist der Schnee festgefahren und einigermaßen schnell. Aber der Hang ist holprig, es geht von Bodenwelle zu Bodenwelle. Das muss der Rücken abfedern, und die Sache mit dem Gleichgewicht ist auch nicht immer einfach. Aber auch hier: Freude in allen Gesichtern, Spaß an der Geschwindigkeit, lautes Gelächter.

Ich gebe mir noch zwei Abfahrten, dann reicht es. Gut durchgepustet und schön müde vom vielen Auf und Ab. Der Schnee soll ja noch eine Weile bleiben, das schreit nach einer Wiederholung und nach: „Bahn frei – Kartoffelbrei!“
Dieser Text stand heute (Samstag) auch so in der Zeitung. Immer schön, wenn solche winterlichen Harzerlebnisse auch gedruckt werden.
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Vergangene Woche ging es um den Film „Rose“, der im Glasebachtal gedreht wurde und auf der Berlinale Prmiere hat.
Hier habe ich über das Ilsenburger Maler-Ehepaar Elise und Georg Crola geschrieben.
Davor ging’s zum kirchlich organisierten Eisbaden im Reddeberteich.
Hier ist Skifahren im Wernigeröder Zwölfmorgental angesagt.
Zum Jahreswechsel ein Besuch im Rabensteiner Stollen.
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