Mit Gottes Segen mutig ins eiskalte Wasser des Reddeberteiches

Harzletter, der Einhundertvierundsiebzigste.

An diesem Wochenende bin ich spät dran – manchmal ist man ja auch unterwegs und verhindert. Dabei ist mein Text über ein ganz besonderes Erlebnis am und im Reddeberteich in Wernigerode längst fertig. Er wurde vergangene Woche sogar in der Volksstimme abgedruckt – was natürlich kein Grund ist, ihn hier nicht ebenfalls zu posten. Gute Geschichten darf man schließlich öfter erzählen.

174 Reddeberteich Einstieg

Hier also ein eiskaltes Eintauch-Erlebnis am Reddeberteich, genau zu dem Zeitpunkt, als im Harz mal kurz der Winter heftig einfiel:

Das meiste Aufsehen erregte ein weißer Van, der direkt am Zugang zum Reddeberteich parkte. „Voß & Bier – Bestattungen“ stand gut lesbar auf der Fahrertür. „Die haben wirklich an alles gedacht“, war noch einer der harmloseren Kommentare. Und mancher Mutige, der mit dem Vorsatz gekommen war, zusammen mit anderen in den eiskalten Teich einzutauchen, fragte sich kurz, ob das wirklich so eine gute Idee war.

174 Reddeberteich Zuschauer

Rund 150 dick Eingemummelte waren bei minus 13 Grad Sonntagmorgen um zehn am Reddeberteich zusammengekommen. Die Neue Evangelische Kirchengemeinde Wernigerode in Person von Pfarrer Frank Freudenberg hatte zum „Open-Air-Gottesdienst mit Eisbaden und Tauferinnerung“ eingeladen – und über 30 Gemeindemitglieder hatten sich zum Eintauchen angemeldet.

In den Reddeberteich als Erinnerung an die Taufe Jesu

Wie kommt man denn auf sowas, Herr Pfarrer? Frank Freudenberg erzählt: „Ich war vorher in einer Gemeinde in Thüringen tätig, da haben wir das 2022 zum ersten Mal gemacht, und das wurde sehr gut aufgenommen. Die Erinnerung an die Taufe Jesu im Jordan, an die eigene Taufe verbunden mit einer Art Neustart ins Jahr sind ja eine uralte christliche Tradition – hauptsächlich in der orthodoxen Kirche.“

Der Termin war jedenfalls perfekt gewählt. Strahlender Sonnenschein, kein Wind, jede Menge Schnee und ein dick zugefrorener Teich. DLRG-Männer hatten frühmorgens mit Motorsägen für eine eisfreie Fläche gesorgt, Sanitäter standen bereit, heiße Getränke ebenfalls. Zwei Pavillons waren als sehr notdürftige Umkleidebereiche aufgebaut.

174 Reddeberteich Ansprache

Aus den herausgesägten Eisplatten war kunstvoll ein Kreuz errichtet worden, und vor dem hielt Frank Freudenberg – angetan mit Talar und passender schwarzer Kopfbedeckung – einen kurzen Gottesdienst ab. Er erinnerte daran, dass es ähnlich wie beim Eistauchen auch im Leben unangenehme und angsteinflößende Situationen gebe. Dass es sich lohne, Mut zu haben und sich diesen Situationen zu stellen. Dann wurde er sogar ein bisschen politisch: Es passiere gerade weltweit sehr viel, was den Menschen Angst mache und Schlimmes befürchten lasse. Auch dagegen können man angehen, statt zu resignieren.

Dann wurde es ernst. Großes Gedränge in den Umkleide-Pavillons, die ersten Mutigen strebten zügig halbnackt zur Einstiegsstelle. Die DLRG-Männer halfen ist Wasser, eine kurze Runde durch den Teich, und schon ging es wieder heraus. Manche hielten sich auch länger im Wasser auf, je nach Konstitution und Ehrgeiz. Auf Wunsch gab es beim Ausstieg zusätzlich einen kurzen persönlichen Segen, den nahmen viele gern mit. Und dann schnell zurück in die Umkleide, um mit kalten, klammen Fingern irgendwie die Kleider wieder anzuziehen.

174 Reddeberteich Eisperlen

Insgesamt stiegen rund 50 Mutige in den Teich. Darunter auch Auswärtige, wie die Hasselfelder Eisperlen, die inzwischen bei jedem Eiswasser-Event im Harz fast schon zum Inventar gehören. Zu neunt waren sie im Reddeberteich vertreten.

Und auch der Herr Pfarrer musste ran. Frank Freudenberg: „Ich kann ja schlecht daneben stehen und nur reden.“ Ganz ohne Talar ging’s in Wasser. „Ich mache das seit ein paar Jahren regelmäßig, bin schon ein wenig daran gewöhnt“, so Freudenberg. 
Der Kirchenmann schätzt die Zusammenarbeit, das Gemeinschaftsgefühl und die neuen Kontakte, die sich durch so ein Event ergeben. „Die Kooperation vor allem mit der DLRG klappte hervorragend. Und das Ergebnis spricht für sich – wir haben von vielen Seiten nur Positives gehört.“ Daran war nicht nur das perfekte Winterwetter Schuld. Eisbaden macht gesprächig – nach dem Wiederankleiden traf man sich am Essensstand, um bei Tee, Glühwein und Bockwurst das Erlebte auszutauschen und die Mitstreiter kennenzulernen.

Eisbaden macht gesprächig

Die Rettungssanitäter bleiben beschäftigungslos. Alle überstanden das Eintauchen in den Reddeberteich ohne gesundheitliche Probleme.

Und der Bestatter-Wagen?
Dafür gab es eine einfache Erklärung: Lutz Voß, Bestattungsunternehmer und sehr aktiv in der Kirchengemeinde, war kurzerhand im Firmenwagen am Teich vorgefahren, um beim Aufbau und der Organisation zu helfen. Dass das zu Irritationen und Witzeleien führen könnte, hatte schlicht niemand bedacht.

Kommendes Jahr soll es weiter gehen. Frank Freudenberg: „Auch wenn das Wetter wohl nicht wieder so einmalig schön sein wird – die Erinnerung an die Taufe Jesu bleibt, und das intensive Gemeinschaftserlebnis ebenfalls. Ganz gleich, ob man gläubig ist oder nicht.“

Vergangene Woche war ich beim Skifahren im Zwölfmorgental.

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Hier habe ich ein bisschen Dampflok-Romantik eingefangen.

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