Weihnachten mit dem Rad auf den Brocken – Wintertour von Schierke auf den Gipfel

Harzletter, der Einhunderteinundsiebzigste.

Man macht ja manchen Blödsinn – dieser hier gehört definitiv dazu. Mit dem Rad auf den den Brocken-Gipfel; zu Weihnachten, bei – nun ja – suboptimalen Bedingungen. Aber: Alles nochmal gut gegangen. Lest selbst:

Die Ankündigung klang verlockend: Heiligabend werde er in einer größeren Gruppe mit dem Rad auf den Gipfel des Brocken hinauffahren, hatte mir ein Harzer Bekannter erzählt. „Das machen wir immer zu Weihnachten, das ist jedesmal ein schöner Jahresabschluss.“ Über einhundert Radler würden sich angeblich auf dem Gipfel treffen – warum da nicht einfach mitmachen? Brocken per Rad wollte ich schon längst ausprobieren; in einer größeren Gruppe versprach das eine gelungene Winteraktion.

171 Gipfel Start

Die Wettervorhersage war noch ein paar Tage vorher in Ordnung. Der gesamte Dezember war mit Temperaturen um 10 Grad viel zu warm, das klang nach einer stressfreien Tour. Doch dann kippte die Prognose. Ausgerechnet Heiligabend sollte es auf dem Brocken minus sieben Grad kalt werden, dazu wurden stürmische Böen angekündigt. Allerdings war nicht von Niederschlag die Rede – deswegen: kein Grund, das Vorhaben abzusagen.

Dann kam alles ganz anders.

Pünktlich um neun Uhr bog ich auf dem Parkplatz in Schierke ein. Von hier führt die Brockenstraße genau 9,6 Kilometer lang auf den Gipfel. Um mich herum eine Gruppe mit Magdeburger Autokennzeichen, die den Weg hin und zurück schon absolviert hatte. Mein Rad – ein Gravelbike – wurde kritisch beäugt. „Mit den dünnen Reifen kommst du nicht nach oben“, war die einhellige Meinung. Es sei durchgehend glatt, das Fahren äußerst mühsam, mit anderen Worten: Vergiss es.

171 Gipfel Radler

Die Gruppe, mit der ich eigentlich mitradeln wollte, war weit und breit nicht zu sehen. Vielleicht hatten sie den Wetterbericht auch gelesen und anders als ich entschieden. 

Rauf zum Gipfel oder bleiben lassen?

Da stand ich jetzt. Falsche Ausrüstung, falscher Plan, blöde Situation. In solchen Fällen hilft manchmal Sturheit und der Glaube an das Glück und den Zufall. Und außerdem hatte ich ja eine Zeitungsgeschichte abzuliefern.

Um es kurz zu machen: Ich weiß nicht mehr genau, wie ich ganz oben ankam. 

Denn es war glatt. Nicht so stellenweise ein bisschen glatt, sondern durchgehend überfrorene Nässe. Darauf ein wenig gestreuter Split, der aber völlig nutzlos war. Die einzige Möglichkeit war der schmale Rand neben dem Straßenbelag. Hier konnte man treten, ohne dass das Hinterrad sofort durchdrehte. 

171 Gipfel Lost: Kleine Pause unterwegs im Nebel.

Ein paar Mountainbiker mit grobem Reifenprofil überholten und verschwanden vorn im Nebel. Dann hörte das auch auf, und es kam niemand mehr von hinten. Nach den ersten ansteigenden Kurven war ich bereit umzukehren, aber dann fand ich sowas wie einen Rhythmus. Immer am Rand, kleine Übersetzung, gleichmäßig treten, bloß keine hektischen Bewegungen. Nichts denken, nur auf den Weg achten. Ein Erlebnis, wie in einem Auto mit abgefahrenen Sommerreifen im Winter einen Alpenpass überqueren zu wollen.

171 Gipfel Tannen

Doch dann kam sogar eine beinahe meditative Weihnachtsstimmung auf. Die Fichten am Straßenrand waren immer üppiger mit Raureif bedeckt, der Nebel wurde dichter, es war ganz still und von den angekündigten Windböen war nichts zu merken. Einfach schön. Zwischendurch mal absteigen und ein paar hundert Meter schieben – der Weg auf den Gipfel ist lang und fordernd. Ab und zu machte jemand eine Pause am Straßenrand, und wir lamentierten kurz gemeinsam über die Wetterverhältnisse, bevor es weiterging.

171 Gipfel Erik Thomas

In einem der Unterstände an der Strecke traf ich Thomas und Erik, beide nach eigenen Angaben Brocken-Profis. Thomas: „Ich fahre seit über zehn Jahren an Weihnachten hier hoch – so etwas habe ich noch nie erlebt. Aber das geht schon.“ Danke Jungs, ihr habt mir Mut gemacht.

Schließlich das letzte Stück am Brockenbahnhof vorbei. Hier lag Schnee und darüber stand der Nebel wie eine weiße Wand. Kein Licht war zu sehen, dafür fegten Windböen über den Gipfel. Schnell das obligatorische Foto – zum Glück waren da gerade zwei Wanderer, denen ich mein Handy in die Hand drücken konnte. 

171 Gipfel oben

Ganz oben hatte der Brocken so gar nichts winterlich Beschauliches mehr. Hier war er wie ein wütender alter Zausel, der aber gerade deswegen die Menschen anzieht. Auch an solchen Tagen. 

Der schwierige Rückweg

Auf dem Rückweg nach unten begegneten mir: Eine Läufergruppe mit Spikes an den Schuhen, mehrere Einzelläufer mit Hundebegleitung, Einzelwanderer, die alle fröhlich „Frohe Weihnachten“ wünschten, eine männliche Feiergruppe und sogar ein paar Radfahrer. Apropos Weg nach unten – der ging kaum schneller als bergauf. Vorsichtigstes Bremsen war angesagt, mit immer einen Fuß knapp über dem eisigen Boden. Es lief gut – mit Glück und Zufall.

Im Frühjahr werde ich wiederkommen. Um bei angenehmen Temperaturen und garantiert eisfrei die Strecke von Schierke zum Gipfel zu erleben. In allerschönster Brocken-Herrlichkeit.

Vergangene Woche habe ich ein bisschen Dampflok-Romantik eingefangen.

Davor war ich bei der Bergweihnacht auf der Grube Glasebach.

Hier geht’s zum ersten Test in den neu eröffneten Cafés „Va Liés“ und „Nica“ in Quedlinburg.

Davor war ich unterwegs bei Advent in den Höfen.


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