Harzletter, der Einhundertzweiundachtzigste.
Manche Geschichten laufen einem ganz zufällig über den Weg.
So ging es mir auch mit Gerhard Zucker, dem Raketenbauer aus Hasselfelde im Oberharz. Ich war dort wegen einer anderen Geschichte und hatte etwas Zeit übrig. Also tat ich das, was ich in solchen Momenten gern mache: Ich schaute nach, welche Persönlichkeiten eigentlich aus Hasselfelde stammen. Dabei bin ich bei Wikipedia die Liste der Söhne und Töchter des Ortes durchgegangen.

Hermann Blumenau kennt man, Wilhelm Dunker ebenfalls. Auch einige erfolgreiche Skisportler stammen aus dem Ort. Und dann steht da noch: Gerhard Zucker (1908–1985), Raketentechniker.

Gerhard Zucker ein Betrüger?
In dem verlinkten Wikipedia-Zucker-Artikel heißt es:
Gerhard Zucker war ein deutscher Entwickler von Postraketen. Er befasste sich ab 1931 mit dem Problem der Postbeförderung mit Raketen und führte hierzu im Harz und 1933 in Cuxhavenentsprechende Versuche durch. Sie waren jedoch erfolglos und grenzten zumindest teilweise an Betrug, da lediglich Feuerwerksraketen mit einer beeindruckend wirkenden Hülle versehen wurden. Die wissenschaftlich interessierte Presse fiel darauf herein. Sie zeigte ein Bild, wo Zucker neben einer nach Pappe aussehenden, etwa vier Meter langen auf einem Karren montierten Rakete steht:
„Der Hamburger Konstrukteur Zucker hat eine gänzlich neuartige Weltraum-Rakete erfunden, die selbsttätig in gewünschter Höhe photographische Aufnahmen machen und zu ihrem Abschußplatz zurückkehren kann.“

Nun muss man nicht alles glauben, was bei Wikipedia steht. Aber dass jemand dort ganz nebenbei als möglicher Betrüger dargestellt wird, ist schon bemerkenswert. Weiter heißt es:
Das Ende des Krieges erlebte Gerhard Zucker in seiner Heimatstadt Hasselfelde. Er floh in den niedersächsischen Teil des Harzes, wo er sich als Möbelhändler betätigte.
Nach wie vor führte er Raketenversuche durch. Bei einer Raketenvorführung am 7. Mai 1964 auf dem Hasselkopf in Braunlage gab es einen Unfall, der zwei Personen das Leben kostete. Dieser führte zu einem Verbot von privaten Raketenstarts in der Bundesrepublik Deutschland, das zum Ende der in Cuxhaven stattfindenden Raketenversuche der Hermann-Oberth-Gesellschaft und der Berthold Seliger Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH führte.
Gerhard Zucker ein Betrüger? Oder ein fast vergessener Pionier der Raketentechnik aus dem Harz? Ich wollte das genauer wissen.
Der Beginn der Raketentechnik
Bisher ist das nur ein Ausschnitt aus der Gerhard-Zucker-Biografie, aber der klingt schon nach einem ziemlich ungewöhnlichen Lebenslauf. Raketentechnik im Harz! Schon in den 1930er Jahren! Betrieben von einem Mann aus Hasselfelde, den dieses Thema offenbar sein ganzes Leben lang nicht losließ.

Dazu muss man wissen, dass die Erforschung und das Testen von Raketen in dieser Zeit gerade begann. Namen wie Hermann Oberth und Wernher von Braun (ja, der mit der V2 und später mit dem Apollo-Programm) sind heute geläufig. Gerhard Zucker kennen nur noch absolute Insider und es gibt entsprechend wenig Literatur über ihn.
Erster Start am Wattenmeer
In Heft 8 der Schriftenreihe „Luftfahrtgeschichte im Land Sachsen-Anhalt“ (Dank an die Hasselfelder Gemeindebibliothek!) schreibt Fluglehrer Gerhard Kasten über Gerhard Zucker.
Der Raketenkonstrukteur Gerhard Zucker aus Hasselfelde beschäftigt sich intensiv mit dem Bau von Raketen, die Nutzlasten wie z. B. Post oder Fracht befördern können. Sein Vater, Molkereidirektor in Hasselfelde, finanzierte diese Versuche. Am Wattenmeer von Cuxhaven sollte die erste Rakete mit Gütern die Insel Neuwerk erreichen, umkehren und mit Hilfe eines Fallschirmes am Startort landen. Diese Versuche am 9. April 1933 schlugen aber fehl.
Am 31. August 1933 konnte Gerhard Zucker seine erste Postrakete „Herta ZR 1“ von Hasselfelde nach Stiege abfeuern. Die so beförderten Gedenkstücke dieses Fluges sind bei Philatelisten noch heute eine große Seltenheit.
Briefe mit Raketen befördern
Postraketen – auch „Raketenpost“ genannt – waren damals tatsächlich ein ernsthaft diskutiertes Zukunftsprojekt. Man experimentierte mit der neuen Technik, aber hatte noch keinen wirklichen Plan wozu die – außer als Flugzeugantrieb – gut sein sollte. An eine Mondlandung dachten nur Science-Fiction-Autoren. Da lag die Nutzung als Postbeförderungsmittel irgendwie nahe. Allein die Idee, Briefe mit Raketen etwa von Hamburg nach Berlin zu befördern, hat etwas sympathisch Durchgeknalltes.

Weiter heißt es bei Gerhard Kasten:
Um 1961 war Gerhard Zucker ein begehrter Raketenspezialist, seine Postraketen flogen in England, Belgien, Holland, Italien und in der Schweiz. … Eine Einladung nach Haiti lag auch bereits vor, die Postrakete sollte dort etwa 150 km weit fliegen.
Das klingt ziemlich utopisch und weit überzogen – von Postraketen, die in den 60er Jahren in europäischen Ländern unterwegs waren, ist eher nichts bekannt. Und Haiti? Vergiss es.
Die ganze Geschichte in einer New Yorker Zeitschrift
Und dann fiel mir ein ausführlicher, sehr gut recherchierter Artikel aus „Cabinet“, einer hochklassigen New Yorker Kulturzeitschrift, in die Hände. Dort schrieb 2006 Christopher Turner unter dem schönen Titel „Letter Bombs“ sehr nachvollziehbar über Gerhard Zucker.
Demnach seien seine ersten öffentlichen Versuche natürlich den Nazis aufgefallen, die aber längst ihre eigenen geheimen Raketenpläne unter der Leitung von Wernher von Braun vorantrieben. Gerhard Zucker, der wohl eher pazifistisch eingestellt war, störte da nur und erhielt keine Unterstützung.

Die kam von anderer Seite: Geschäftsleute in England sahen die Möglichkeit, mit seinen Raketen Geld zu verdienen. Die Idee: Briefe und Briefmarken, die extra für die Raketenflüge produziert wurden, nach absolviertem Flug teuer als „Rocket Post“ zu verkaufen. Klingt ziemlich irrwitzig, funktionierte aber wohl eine Zeit lang. Die Briefmarken, um die es dabei ging, waren keine offiziellen Marken, sondern sogenannte Vignetten. Also privat gedruckte Marken, die zwar schick aussahen, aber mit denen kein Brief verschickt werden konnte.
Ein erster Testflug 1934 verlief positiv, Zucker erhielt weitere Unterstützung in England – und zog sich den Zorn der Nazis und der Britischen Post zu, die zum einen Geheimnisverrat witterten zum anderen ihr Briefmarken-Monopol angegriffen sahen.

Gerhard Zuckers schottisches Desaster
Weitere Versuche in Schottland verliefen desaströs; bei zwei Versuchen explodierten die Raketen in geringer Höhe und „die 1200 Briefe mit den Rocket-Stamps segelten wie Konfetti auf die Erde zurück“ (so Christopher Turner). Jetzt hatten die Briten genug; weitere Versuche wurden untersagt, und als Gerhard Zucker eine gefährliche Menge Sprengstoff in einem Waschraum vergessen hatte, wurde er kurzerhand ins Gefängnis gesteckt. Er wurde verdächtigt, ein deutscher Spion zu sein, kam aber kurze Zeit später frei und ging 1936 zurück nach Deutschland.

Dort empfing ihn die Gestapo und internierte ihn sofort wegen Geheimnisverrats. Mit Glück, und dem Versprechen, die Finger von den Raketen zu lassen, überlebte er, diente in der Luftwaffe und fing nach dem Krieg als Möbelhändler neu an.
Neustart in den sechziger Jahren
Erst in den 1960er Jahren beschäftigte Gerhard Zucker sich wieder mit Raketen und organisierte öffentliche Starts. Doch nach der Katastrophe 1964 in Braunlage, als durch eine Explosion bei einem Flugversuch zwei Schuljungen getötet wurden, landete er wieder für sechs Monate im Gefängnis.
Danach war für Gerhard Zucker Schluss mit der Raketentechnik im Harz, obwohl es gerade zu dieser Zeit in Amerika mit dem Raumfahrtprogramm – unter der Regie von Wernher von Braun – so richtig losging.

Etwas Besonderes zum Schluss: Eine historische Tonaufnahme von Gerhard Zucker, wie er einen seiner Postflüge ankündigt, den Countdown runterzählt und man die erfolgreich startende Rakete hört. Wer den Hasselfelder Raketenbauer im Original hören möchte, kann hier eine historische Tonaufnahme anklicken: Gerhard Zucker live beim Postraketenstart.
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