Wo sind nur die Frauen hin? Männerüberschuss und Bevölkerungsschwund im Harzkreis und in Sachsen-Anhalt

Harzletter, der Einhundertachtundsiebzigste.

Schock-Headline auf der ersten Seite der Mitteldeutschen Zeitung vom vergangenen Dienstag: „Extremer Männerüberschuss“ war dort knackig zu lesen. Und weiter: „Nirgends in Deutschland ist das Geschlechterverhältnis unter jungen Erwachsenen so unausgeglichen wie in Sachsen-Anhalt. Wohin die Frauen ziehen und was die Folgen sind.“

178 frauen headline

Uff, das sitzt. Es geht in dem Artikel um das Verhältnis Männern zu Frauen im Alter von 18 bis 29 Jahren. Ein ausgeglichenes Verhältnis läge bei etwa 100 zu 100. In ganz Sachsen-Anhalt beläuft es sich auf 117 zu 100. Im Landkreis Harz sieht es finsterer aus: Dort liegt das Verhältnis bei 124 zu 100. In Zahlen: Auf 8.322 Frauen kommen 10.293 Männer. Diese Daten hat das Statistische Landesamt zum Stichtag September 2025 ermittelt und am 19.12.2025 veröffentlicht.

Viel zu wenig Frauen – was daraus folgt

Was heißt das jetzt?
Zunächst ist es offensichtlich, dass es für junge Männer auf Partnersuche schwierig ist, eine Frau zu finden. Das hat wiederum langfristige Auswirkungen auf Hochzeiten, Familiengründungen und Geburten. Außerdem: Männer, die „übrig bleiben“, sind tendenziell ein Problem. Denn ein dauerhaftes Ungleichgewicht der Geschlechter kann soziale Spannungen verstärken – das zeigen verschiedene Studien.

178 frauen kommentar

Lisa Garn, die Autorin der MZ-Titelgeschichte, schreibt dazu in einem Kommentar: „Männer finden vor Ort seltener eine Partnerin. Verbunden mit teils schlechten Aussichten am Arbeitsmarkt fallen sie oft auch in eine berufliche und auch private Perspektivlosigkeit.“ Und außerdem: „… das Missverhältnis der Geschlechter bringt Orte aus dem sozialen Gleichgewicht. Es verstärkt die Abwärtsspirale auf dem Land.“

Denn Frauen würden nicht nur als Arbeitskräfte und bei der Partnersuche fehlen, sie seien es auch, die den Laden zusammenhalten. Sie organisieren in der Regel Treffpunkte und das soziale Leben – schönen Gruß an dieser Stelle an die Hasselfelder Eisperlen (die übrigens heute, am 14. Februar am Nachmittag im Waldbad das gefürchtete und geliebte Faschingsbaden veranstalten. Hingehen! Zugucken!).

Die Gründe für den Frauenmangel

Aber warum sind die Frauen weg?

Die Antworten sind bekannt. Wichtigster Faktor ist der im Schnitt höhere Bildungsgrad. Junge Frauen machen häufiger Abitur, studieren entsprechend häufiger als Männer. Dazu verlassen sie die ländlichen Regionen – entweder in die westlichen Bundesländer oder in die Unistädte – in Halle gibt es sogar mehr Frauen als Männer im Alter zwischen 18 und 29. Meist bleiben sie in den Städten, weil es dort die besseren Jobs gibt; falls sie aufs Land zurückkehren, bringen sie oft einen Partner mit. Schlecht für die Männer vor Ort.

178 frauen tabelle

Die große Abwanderung Richtung Westen in den Jahren nach der Wende ist inzwischen gestoppt. Es kommen fast genauso viele Menschen nach Sachsen-Anhalt wie wegziehen. Und das sind nicht nur Flüchtlinge beziehungsweise generell ausländische Menschen.

Ich bin ein wenig durch die veröffentlichten Zahlen des Statistischen Landesamtes gepflügt. Spannend, was dort alles zum Thema Bevölkerung aufgelistet wird.

Die Bevölkerung wird weiter schrumpfen

Es gibt beispielsweise ein Prognose, wie sich die Bevölkerungszahl von 2022 bis zum Jahr 2040 entwickeln wird. Spoiler: Es sieht finster aus. Denn da die erwachsene Bevölkerung von 2040 jetzt schon geboren ist, kann man die Zahlen ziemlich genau bestimmen.

Bitte anschnallen:
Gesamtbevölkerung SA 2022: 2.150.239
Gesamtbevölkerung SA 2040: 1.828.040
Rückgang: 322.199 = 15 Prozent

Harzkreis 2022: 208.634
Harzkreis 2040: 178.084
Rückgang: 30.550 = 14,6 Prozent

Das bedeutet: Innerhalb von nur 18 Jahren verliert Sachsen-Anhalt rund jeden siebten Einwohner. Der Harzkreis entwickelt sich nahezu identisch. So richtig schummrig wird’s aber, wenn man sich die Berechnungen für die verschiedenen Altersgruppen anschaut. Um nicht zu viele zu lange Zahlen zu bringen, liste ich nur die prozentualen Veränderungen auf:

Unter 20 Jahre Gesamt-S-A: – 22 Prozent
20 bis 67 Jahre Gesamt-S-A: – 22 Prozent
Über 67 Jahre Gesamt-S-A: + 5 Prozent

Das heißt: Weniger junge Menschen, weniger Erwerbstätige – gleichzeitig mehr Ältere. Die prozentualen Veränderungen für den Harzkreis sind identisch.

Es wird also nicht nur immer weniger Einwohner in Sachsen-Anhalt geben, der Anteil der Alten wird gleichzeitig weiter steigen. In absoluten Zahlen: von 531.922 auf 561.070. Dagegen nimmt die Zahl derjenigen im erwerbstätigen Alter (20 bis 67) stark ab: Von 1.260.137 auf 985.856. 

Ich könnte jetzt noch nachlegen, etwa mit der Zahl der Geburten. Aber dann wird es richtig deprimierend, und das will ja niemand.

Was getan werden könnte – und warum wir weiter Feste feiern

Vorschläge, was die Politik tun könnte, um die Aussichten langfristig zu verbessern, und um vor allem die Frauen im Lande zu halten, gibt es reichlich. Mehr Unterstützung für junge Familien, erschwingliches Bauland, bessere öffentliche Verkehrsanbindung, bessere Nahversorgung, und, und. Ich lass das jetzt alles mal so stehen.

126 Faschingsbaden plantschen

Bei all den nüchternen Zahlen und wohlmeinenden Vorschlägen darf man nicht vergessen: Das gesellschaftliche Leben findet weiter statt. Trotz Statistik und angeblich fehlender Frauen tut ein bisschen Fasching gut. Habe ich das Treiben im Hasselfelder Schwimmbad schon erwähnt? Echt? Da kommt auf jeden Fall und bei jedem Wetter am heutigen Samstag gute Laune auf. Frauen werden dort reichlich vertreten sein – nicht nur hinterm Kuchenbuffet.

126 Faschingsbaden Eisperlen

–––

Vergangene Woche war ich Rodeln in Schierke und Torfhaus.

Davor ging es um den Film „Rose“, der im Glasebachtal gedreht wurde und auf der Berlinale Premiere hat.

Hier habe ich über das Ilsenburger Maler-Ehepaar Elise und Georg Crola geschrieben.

Bei Minustemperaturen ging’s zum kirchlich organisierten Eisbaden im Reddeberteich.

Zum Jahreswechsel ein Besuch im Rabensteiner Stollen.

Und hier geht es zurück auf die Startseite.

Kontakt

Kommentare, Nachrichten, Fragen, Lob und Kritik an:

Erwin Klein
info@harzletter.de