Knoten, Karabiner, Kameradschaft – bei der Bergrettung in Schierke

Harzletter, der Einhundertsechsundfünfzigste.

Bergrettung im Harz? Ist das nicht eher eine Hochgebirgsangelegenheit?

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Ich wollte es genauer wissen und sah mir eine Übungseinheit der Bergwacht Harz an. Treffpunkt war deren Hütte am Bahnhof Schierke. Von da ging es ins Gelände zum kleinen und großen Feuerstein. Es gab ein wenig zu klettern, aber kein Problem. Die Bergwachtler waren supernett und auskunftsfreudig. (Auch wenn ich dumme Fragen stellte).

Gleich mit der ersten entlarvte ich mich als Ignorant: „Wieso gibt es im Harz überhaupt eine Bergrettung? Das ist doch ein Mittelgebirge und keine hochalpine Landschaft?“ Matthes Kirmann, Pressesprecher der Bergwacht Harz (auf dem Foto unten rechts, daneben Heiner Jentsch, Bergwacht-Bundesleiter), schaute mich fast mitleidig an. „Hier gibt es jede Menge unwegsames Gelände“, erläuterte er. „Wenn da etwas passiert, müssen wir ran. Andere Rettungsdienste kommen da nicht hin.“

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Wir sind auf dem Weg von der Bergwacht-Hütte am Bahnhof Schierke zum kleinen und großen Feuerstein. Hier sollen zwei Übungen stattfinden – zur Demonstration des Könnens der Bergrettung und zur letzten Vorbereitung auf die Bergretter-Prüfung. Heiner Jentsch, Bundesleiter der Bergwacht und damit ranghöchster Bergretter in Deutschland, hat mir vorher die Aufgabenstellungen erklärt. Eine lautet so: „Ein Pilzesammler ist in unwegsamen Gelände hingefallen und hat sich dabei schwer am Rücken verletzt. Er muss abtransportiert werden, wobei es vor allem darauf ankommt, dass die Wirbelsäule nicht weiter geschädigt wird.“

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Was unwegsames Gelände heißt, merke ich, als wir uns dem großen Feuerstein nähern. Es geht zwischen massiven Felsblöcken und umgestürzten Kiefern stramm bergauf. Hier käme im Fall des Falles kein Rettungswagen hin, hier sind Leute gefragt, die sich mit diesen Gegebenheiten auskennen.

Daten und Fakten zur Bergrettung

Auf dem Weg zum Übungs-Einsatzort füttert mich Matthes Kirmann mit Daten: Rund 120 Einsätze gibt es pro Jahr für die Bergwacht. Tendenz steigend. Davon entfallen zur Zeit etwa 60 Prozent auf Wanderer, 40 Prozent auf Mountainbiker. Bei Kletterern, die im Harz sehr aktiv sind, müssen die Retter selten eingreifen. „Die sind fast alle sehr professionell und wissen was sie tun“, erklärt Matthes Kirmann. „Unfälle passieren meist, weil Leute sich überschätzen oder unvorsichtig sind.“

Weitere Details (zum Beispiel die Frage, wie hoch der Frauenanteil ist) sind hier zu finden.

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Die Harz-Bergwacht ist in vier Gruppen gegliedert, wovon eine speziell für Untertage-Einsätze ausgebildet ist. Denn auch in den stillgelegten Bergwerken gibt es Notfälle, dann muss diese Spezialtruppe ran.

Rund 20 Prozent der Bergwacht ist weiblich – deren Anteil wächst langsam aber stetig. Das Durchschnittsalter der Aktiven liegt bei etwa 35 Jahren – wer bei der Bergrettung mitmacht, muss fit sein. Natürlich arbeiten alle ehrenamtlich.

Am großen Feuerstein sind bereits die Seile für den Abtransport des fiktiven Unfallopfers gespannt. Bei Wirbelsäulenverletzungen ist ein Abtransport durch holpriges Gelände zu riskant, deswegen muss der Verletzte in eine Trage gelegt und vorsichtig nach oben auf die Klippe geholt werden. Bei ganz schwierigen Fällen kommt auch schon mal ein Hubschrauber zum Einsatz – dann wird ein Verletzter filmreif mit einer Seilwinde nach oben gezogen.

Ich werde erst einmal Zeuge, wie sich Bergretterin Jasmin Stanek von oben leicht und locker abseilt. Das sieht fast spielerisch aus – ein paar Kilometer weiter an der Rappbodetalsperre würde dafür Eintritt verlangt werden. Dann der Ernstfall: Ronald Kruft schwebt als Retter neben der Gebirgstrage, die vorsichtig nach oben gezogen wird. Das spielt sich zwischen fünf und zehn Metern über dem Erdboden ab und ist kein Job für Höhenängstliche. Aber die Bergretter sind umfassend ausgebildet und trainiert und wissen, was zu tun ist. 

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Das Ganze dauert nur ein paar Minuten. Dann wäre der Verletzte in der Trage oben angelangt und könnte weiter versorgt werden. Für Ronald Kruft und die übrigen Retter, die den Transport gesichert haben, ist der Einsatz erst einmal beendet.
Die Ausrüstung, die jeder von ihnen bei sich trägt, sieht beeindruckend aus: Seile, Haken, Karabiner – für Laien ist das auf den ersten Blick ein ziemliches Durcheinander, die Experten haben natürlich den Durchblick.

Später, bei der Mittagspause an der Bergwacht-Hütte, wo die verschiedenen Übungsgruppen sich wieder treffen, erklärt Heiner Jentsch die technische Weiterentwicklung vor allem bei den Seilen. Die müssen inzwischen vor allem hohe Temperaturen aushalten; die Bergretter sind auch bei Waldbränden im Einsatz. Bei den jüngsten Bränden im Harz waren sie zur Absicherung der Feuerwehrleute dabei; schließlich kennen sie das Gelände von allen Rettungsdiensten am besten. Ausrüstung und deren Kosten sind auch Sache der Politik, deswegen war auch Rüdiger Erben, SPD-Landtagsabgeordneter, vor Ort (auf dem Gruppenfoto der Mann ganz in Gelb) und ließ sich informieren.

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Das klingt alles ziemlich cool: Action draußen im felsigen Gelände, sinnvolles Engagement, guter Zusammenhalt untereinander. Aber trotzdem hat die Bergwacht – wie so viele Vereine und Organisationen – ein Nachwuchsproblem. Matthes Kirmann, der selbst mit 14 bei der Bergwacht angefangen hat, erzählt mit Begeisterung von seinen Naturerlebnissen dort. Und hofft, dass sich wieder mehr Jugendliche finden, die mitmachen. Ab zwölf Jahren könne man in den Jugendgruppen in Wernigerode oder Thale dabei sein. 

Antje Wimmler, Pressereferentin beim Roten Kreuz, drückt es etwas pathetisch so aus: „Knoten, Karabiner, Kameradschaft – das macht die Bergrettung im Harz aus.“

Vergangene Woche war ich in Blankenburg und versuchte vergeblich, das Herbergsmuseum zu besuchen.

Zweimal Meisdorf: Erst das großartige Seifenkistenrennen, und dann das Schlosshotel.

Eine Woche vorher habe ich Rasantia, die Rutsche am Harzturm getestet.

Davor wurde die kleinste Holzkirche Deutschlands in Elend besucht.

Und hier geht es um Rocken am Brocken.


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