Handwerksstolz und Tradition: Das Herbergsmuseum in Blankenburg

Harzletter, der Einhundertvierundachtzigste.

Herbergsmuseum. Das klingt erst einmal wenig verlockend. Dann Blankenburg – nicht gerade ein Publikumsmagnet (vom Schloss einmal abgesehen). Dazu kommt, dass ich im vergangenen September schon einmal vor verschlossenen Türen stand. Siehe hier.

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Doch der zweite Versuch zeigte: Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Das Herbergsmuseum in Blankenburg ist ein echtes Schmuckstück – und vor allem einzigartig. Es ist das einzige Haus in Deutschland, das ursprünglich als Gesellenherberge diente und seit 1976 als Museum genutzt wird.

Eine Herberge für die wandernden Gesellen

Wandergesellen gibt es bekanntlich heute noch. Ihre Zahl steigt sogar, seitdem Handwerk – besonders „irgendwas mit Holz“ – wieder angesagt ist. Bekannt sind vor allem die Zimmerer, die an ihrer typischen Zunftkleidung leicht zu erkennen sind.

Diese Handwerksgesellen müssen, wenn sie unterwegs waren und noch keine Arbeit gefunden hatten, irgendwo möglichst günstig übernachten – und dafür wurden die Herbergen eingerichtet. Hier konnten sie schlafen, ihre Kleidung waschen, sich mit Kollegen treffen und austauschen. 

Die Blankenburger Herberge in der Bergstraße 15 bestand von 1884 bis 1916.

Wilhelm Pieck als historischer Bezugspunkt

Das Haus hatte einen prominenten Bewohner. Wilhelm Pieck, gelernter Tischler und später der erste und einzige Präsident der DDR, lebte ab 1894 etwa ein Jahr in der Herberge (Das Foto unten zeigt ihn 1916 als Frontsoldaten. Copyright: Wikimedia). Deshalb wurde zum 100sten Geburtstag Piecks am 3. Januar 1976 die ehemalige Herberge als Wilhelm-Pieck-Erinnerungsstätte eröffnet. 

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Nach der Wende wurde daraus das heutige Herbergsmuseum, das vor allem das Leben der Gesellen auf Wanderschaft darstellt. Wilhelm Pieck ist weiterhin vertreten – allerdings eher am Rande.

Was gibt es im Herbergsmuseum Blankenburg zu sehen?

Das 1684 erbaute Fachwerkhaus ist angenehm klein und übersichtlich – passend zum Leben der wandernden Handwerker. An den ausgestellten Plakaten, Fahnen, Schriften, Aufklebern erkennt man deutlich den Stolz auf das eigene Handwerk und das starke Gemeinschaftsgefühl. Der Ton war rau, aber herzlich. Ein Beispiel: „Wir versaufen den Rock, aber nie den Hut; es lebe das edle Steinmetzblut!“

Tradition, Ordnung und Stolz

Das äußere Erscheinungsbild spielte eine große Rolle. Zunftkleidung war Pflicht, daneben gab es die Ausgehkleidung – beides wurde wie auch das Arbeitszeug penibel gepflegt.

Im Blankenburger Herbergsmuseum sind Wohn- und Schlafräume, eine Wirtsstube und eine kleine Bibliothek originalgetreu wieder hergerichtet. Fahnen und Plakate der Gewerkschaftsbewegung dekorieren die Wände. Die reisenden Gesellen waren politisch hochaktiv; sie organisierten die im 19. Jahrhundert entstehende Arbeiterbewegung entscheidend mit. Wilhelm Pieck, der in der SPD und später in der KPD Mitglied war, ist dafür nur ein Beispiel.

Das Leben damals – anschaulich eingerichtet

Besonders gelungen ist die Darstellung des Alltags. Die Räume wirken, als seien die Bewohner nur kurz rausgegangen. Teller und Bierflaschen stehen auf dem Tisch, das Bündel lehnt an das Bett, die Kleidung hängt am Haken. Schaufensterpuppen in Originalkleidung verstärken diesen Eindruck.

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Weitere bekannte Gesellen

Die Webseite der Stadt Blankenburg weist auf zwei weitere Blankenburger Persönlichkeiten hin: 

Der reisende Blankenburger Maurergeselle August Winnig wurde zum Parlamentarier und Schriftsteller; von 1918 bis 1920 hatte er als Politiker persönlichen Anteil an der Entwicklung der außenpolitischen Beziehungen Deutschlands zu Estland, Lettland und Sowjetrussland. Der reisende Schlossergeselle Wilhelm Schmidt (1858-1924) aus Wegeleben wurde zum weltweit anerkannten Ingenieur und Erfinder.

Praktische Infos

Das Museum wird vom „Gemeinnützigen Verein zur Förderung des Herbergsmuseums Blankenburg/Harz e. V.“ ehrenamtlich getragen. Samstags gibt es um 11:30 und um 14:00 Uhr eine Führung. Geöffnet ist das Museum Montag bis Freitag von 10 bis 15 Uhr, Samstag von 11 bis 16 Uhr. Der Eintritt kostet freundliche fünf Euro.

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Meine zufällige Begegnung mit Alexander Kluge

Und dann noch etwas ganz anderes – ein kurzer persönlicher Nachtrag.

Diese Woche kam die Nachricht, dass der große Autor, Filmemacher und leidenschaftliche Halberstädter Alexander Kluge gestorben ist. In den vergangenen Tagen sind er und seine Arbeit ausgiebig gewürdigt worden – da kann ich gar nichts hinzufügen.

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Aber ich hatte im Februar 2024 mein eigenes kleines Alexander-Kluge-Erlebnis, über das ich hier geschrieben habe.

In Kurzform: Ich besuchte das Gleimhaus zufällig an dem Tag, als eine Ausstellung von Alexander Kluge dort eröffnet werden sollte.

Er hatte außerdem an diesem Tag Geburtstag – sein damals 92. – und war damit beschäftigt, Interviews für Radio und Fernsehen zu geben. Wir begrüßten uns nur ganz kurz, man will ja nicht stören. Eine große Persönlichkeit, Ehrenbürger von Halberstadt, damals sehr präsent, mit seiner ganz unverkennbaren Stimme. 

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Vergangene Woche habe ich über die teilweise Eröffnung des Museums auf dem Quedlinburger Stiftsberg geschrieben.

Davor ging es um Gerhard Zucker aus Hasselfelde und dessen Postraketen.

Hier habe ich über Verbandsliga-Fußball in Westerhausen geschrieben.

Hier ging es um Sebastian Schulze, der fast täglich die HSB-Züge fotografiert.

Erste Informationen über die Walpurgis-Veranstaltungen 2026 gibt es hier zu lesen.

Und hier geht es zurück auf die Startseite.

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